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Ein deutsches Leben

hjr Lüneburg. Am Regietheater hat sie das Interesse verloren. „Es bereitet den Schriftstellern zu viel Mühe“, konstatiert sie lapidar ohne näheren Kommentar. Dennoch spaziert sie weiter zwischen den Genres, schreibt Essays, Lyrik, Hörspiele, Prosa. Eine Sprachartistin, die aufgeklärtes Denken schätzt und das Verknappte ebenso liebt wie den großen Wurf. Ursula Krechel versteht sich in sämtlichen Gattungen auf das Analytische, Intensive, Konzentrierte. Hinzu kommt eine Affinität für die historische Komponente. „Shanghai fern von wo“ ist eine solche Spurensuche mit beachtlicher Resonanz. Ihr aktueller Roman „Landgericht“ folgt diesem Duktus: Nachkriegsgeschichte, durch die literarische Brille betrachtet. Dafür erhielt sie 2012 den Deutschen Buchpreis. In der Lüneburger Leuphana Universität gastierte jetzt sie in Kooperation mit dem Literaturbüro als Heinrich-Heine-Gastdozentin.

Herausragende zeitgenössisches Autoren laden Leuphana und Literaturbüro im Rahmen der Gastdozentur nach Lüneburg, seit 2009 füllten unter anderem Uwe Timm und Juli Zeh das Format mit Vitalität und intellektuellem Esprit. Wend Kässens fungiert stets als kompetenter Moderator, der die Ausgewählten den Zuhörern näherbringt. Das gelang ihm auch mit Ursula Krechel, 1947 geboren, längst arriviert und mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet. In der Universität stellte sie neben zwei Gedichten einige Passagen aus „Landgericht“ vor.

Ursula Krechel möchte von ihren Plots persönlich berührt werden, bevor der Entwurf zu Lyrik oder einem Roman auswächst. Das verrät „Landgericht“ (Jung und Jung Verlag) deutlich. Sie nimmt mit Akribie den historischen Faden auf, folgt der authentischen Biografie eines jüdischen Richters, der während Hitlers Diktatur ins Exil nach Havanna flieht. Die Autorin recherchierte sorgfältig, legte Dokumente frei und entspinnt aus dem Material eine neue, eigene Lesart, die das Originale ins Fiktive rückt und den konkreten Fall in eine exemplarische Dimension zieht.

Sie vermischt die unterschiedlichen Ebenen, spielt virtuos mit Sprache. Spröde und kühl wirken die Sätze manchmal, emotional durchpulst gelegentlich und immer exakt in der Beschreibung. Eine pointierte Momentaufnahme aus dem Deutschland der bieder-restaurativen 50er-Jahre entsteht, inklusive Rückblenden und Linien bis in die Folgezeit: Wechselnde Stationen am Beispiel einer archetypischen Lebensgeschichte.

Die Rückkehr von Richard Kornitzer, dem Emigranten, stellt die Heine-Gastdozentin in den Fokus. Berlin, Kuba, Bodensee, später Mainz und mittendrin die erste Begegnung mit seiner Frau, nach mehr als einem Jahrzehnt, zaghaft, ängstlich, tastend. Gerade diese Einstiegsszene entwirft ein Breitwandpanorama – die unzerstörte Idylle von Landau als Kulisse für das Wiedersehen des lange getrennten Paares. Spannend, schonungslos, nüchtern und zugleich aufgeladen zeigt der Roman das geistige Klima jener Jahre. Ein bedeutendes Werk, mit dem Ursula Krechel beim Publikum viel Neugierde weckte.