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Potenzial zum Nachdenken

uhl Lüneburg. „Kunst ist öffentlich!“ Drei Worte, die auf den ersten Blick eine klare Aussage formulieren. Sie sprechen von kultureller Zugänglichkeit und beinhalten das vage Versprechen von einer idealen, barrierefreien Werk-Betrachter-Situation. Und von einer Kunst, die im öffentlichen Raum in Dialog mit den Menschen tritt. Auf den zweiten Blick wirft diese Behauptung viele Fragen auf. Was ist Öffentlichkeit, wie fügt sich Kunst in sie ein, welche Rolle spielen die wörtliche „Öffentlichkeit“ und deren Bedürfnisse in dieser Anordnung, und wie sieht es mit der praktischen Umsetzung aus? Wer entscheidet über den öffentlichen Stadt- oder Landraum, und wie kann die Öffentlichkeit mit in diese Entscheidung einbezogen werden?

Vor dem Hintergrund der Diskussionen um Lüneburgs Denkmäler und Brunnen wie den Reiter im Clamartpark oder den geplanten Grapengießer-Brunnen hat sich die „Kunst im öffentlichen Raum“ zu einem Thema von weitreichendem Interesse entwickelt, das nun im Rahmen einer Podiumsdiskussion auch im Kunstvereinskontext aufs Tapet gebracht wurde. Passend zur Finissage des Lüneburger Teils der Doppelausstellung des Bildhauers Torben Ebbesen (im Kunstraum Tosterglope läuft die Ausstellung noch bis zum 7. Juli), fand sich am Sonntag, 23. Juni, ein wahrlich „bunter Haufen“ im Heinrich-Heine Haus zusammen, um unter der Moderation von Johannes Kimstedt der Problematik zu Leibe zu rücken.

Mit der Aussage „Kunst ist nicht öffentlich“ eröffnete der Kunstsoziologe Dr. Christoph Behnke von der Leuphana Universität die Diskussion mit einer Gegenthese. Es bewege sich nur ein kleiner privilegierter Teil der Bevölkerung im sogenannten Kunstraum – ein System mit hoher Selektivität. Paradoxerweise seien es gerade die Menschen, die ein hohes Informationskapital bezüglich Kunst mitbringen, die Kunst im öffentlichen Raum ablehnen und umgekehrt. Die Hamburger Künstler Michael Stephan und Brigitte Raabe, bekannt durch ihr Tosterglope-Projekt „von Haus zu Haus“, sehen die aktuellen Bedürfnisse der Menschen als einen zentralen Aspekt öffentlicher Kunst. Eine pragmatische Sicht auf das Thema bringt die Lüneburger Stadtbaurätin Heike Gundermann ein, indem sie nicht nur erläutert, wie sich der Prozess, den Stadtraum mit Kunst zu bestücken, gestaltet, sondern auch die Frage der Lebensdauer von öffentlichen Kunstaktionen aufwirft: „Was bleibt und was kommt wieder weg?“ Das Entfernen von beispielsweise Denkmälern sei wie das Verbot von Parteien, führt Michael Hübl, der Kurator der Ebbesen-Ausstellung, den Gedanken weiter.

Der Neuenkirchener Künstler HAWOLI, der mit seinen Werken eine Spur in Lüneburg hinterlassen hat, stellte fest, dass der öffentliche Raum auch immer ein durch die Stadt begrenzter ist. Was wie wo umgesetzt wird, liegt letzten Endes in der Entscheidung des Kulturausschusses. Einen kontrovers diskutierten Vorschlag stellte in diesem Zusammenhang die Einrichtung einer Kommission dar, die sich aus unterschiedlichsten Akteuren – von Künstlern über Architekten bis zu Kunsttheoretikern – zusammensetzen und bei der Entscheidungsfindung des Kulturausschusses beratende Funktion einnehmen könnte. Ist das eine für die aktuelle Situation in Lüneburg sinnvolle Lösung, wie es die Kulturtheoretikerin Dr. Anke Haarmann anmerkte? Oder ein Instrument, das laut Hübl die Gefahr birgt, ein wunderbares Gesamtbild zu erschaffen, das niemanden stört, aber auch kein Potenzial zum Nachdenken mehr bietet?

Ebenso gespalten war die Meinung zu einem zentralen Kunstmuseum in Lüneburg. Während Angela Schoop sich für den Lüneburger Kunstverein einen Ort für seine Ausstellungen und Aktionen wünscht und dabei von Hübl unterstützt wird, halten es Behnke und Haarmann für sinnvoller, Bestehendes besser zu schützen und zu stärken.

Doch in einem Punkt waren sich alle einig: Die Veranstaltung war ein zarter, doch gelungener Beginn, mit dem Thema Kunst im öffentlichen Raum in die Öffentlichkeit zu gehen und eine neue Form der öffentlichen Diskussion zu etablieren.