Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Schubladen neu sortieren

oc Lüneburg. Theater darf alles, nur nicht langweilen. Es kann eine Stimme sein, die berührt, ein komischer Dialog, der Tod von Romeo und seiner Julia, die Präsenz eines Darstellers, ein Bühnenraum, das Licht, die Choreographie, was auch immer. Bei dem Theater, das Stefan Schliephake leitet, sind es immer die Darsteller. Schliephake bringt Menschen mit Behinderung auf die Bühne, Menschen zwischen 17 und 61 Jahren. Menschen mit Träumen und Hoffnungen, mit Wut und Zärtlichkeit, mit Leidenschaft und mit einem Handicap, das sie den Weg durchs Leben ein wenig anders gehen lässt. Wenn sie ihr Spiel auf die Bühne bringen, beim Theaterfest oder jetzt im Salon Hansen, dann kommt da eine Menge von all ihrem Wollen und ihrem Sein rüber – unmittelbarer, unverfälschter als es Profis transpotieren, und authentischer als es ehrgeizige Laien vermitteln können.

Seit 2006 arbeitet der 37-jährige Sozial- und Theaterpädagoge Schliephake bei den Werkstätten der Lebenshilfe. Er probt mit zwei Gruppen in Lüneburg, mit einer in Tostedt. „Ich war erst sehr skeptisch“, sagt Schliephake, aber schon früher, bei seinen Anfängen im Thalia Theater, merkte er, wie gut es geht. „Viele unserer Spieler bringen jahrelange Missachtungserlebnisse mit, aus der Familie, aus der Schule und heute noch, wenn sie nur mal Bus fahren.“ Schliephake setzt bei seinen Teams bei Rollen an, bei Fragen wie: Was willst Du mal sein? In Szenen, die im Salon Hansen beim DialogN zu sehen waren, geht es um den Auftritt als Bundesligamoderator, als Tänzerin, als Rennfahrer, das Muttersein ist ein weiteres und tiefer gehendes Rollenwunschmodell. Thema werden auch ganz einfache und doch so komplizierte Dinge wie: über den Dingen schweben zu können oder alle, die nerven, da hinschicken zu können, wo der Pfeffer wächst.

Schliephakes Ziel mit seinen Akteuren wird erreicht: „Sie stehen da mit einem eigenen Bewusstsein, es gibt einen würdigen Auftritt. Und es regt den Zuschauer vielleicht an, mal ein paar seiner Schubladen neu zu sortieren.“ Stimmt. Eine Menge feinfühliger Arbeit steckt in den kleinen, alles andere als – in gängigem Sinne – perfekten Szenen. Sie werden nie gleich aussehen, sie behalten etwas Improvisiertes, Unberechenbares. Für die Mitspieler bedeutet das Theaterspiel viel, die ganze Körpersprache wandelt sich. „Jeder Auftritt ist ein kleiner Treibsatz für die Persönlichkeitsbildung“, sagt der Trainer.

Anfang Juli zieht die Truppe mit zwölf Spielern und drei Begleitern für einige Tage nach Paderborn – mit Ausschnitten aus „Wo der Pfeffer wächst“. Dort finden vom 3. bis 7. Juli die Theatertage Europäischer Kulturen für freie und nicht professionelle Gruppen statt. Die Lebenhilfe-Schauspieler sind bei diesem Festival des Bundes deutscher Amateurtheater als deutscher Beitrag gebucht und zugleich als erster, bei dem Menschen mit Behinderung auftreten. Beim letzten Festival vor zwei Jahren traten zwölf Gruppen aus neun Ländern mit „beispielhaften Produktionen“ aus ihren Ländern auf. „Ich denke, wir brechen dort Sehgewohnheiten“, sagt Stefan Schliephake. Er dürfte Recht haben.