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Der kleine blinde Fleck

ff Lüneburg. Die Realität ist das eine, ihre individuelle Wahrnehmung eine andere. Aber wie groß ist diese Unschärfe? Und wo liegen ihre Ursachen? Almut Linde versucht, den Zusammenhang zwischen Menschen und ihren sozialen Systemen, also etwa ihrer Arbeitswelt, zu analysieren und darzustellen. Nicht mit Mitteln der Geistes- und Sozialwissenschaften, sondern mit Instrumenten der Kunst. Dafür wurde die Mitarbeiterin am Institut für Kunst und ihre Vermittlung der Leuphana kürzlich mit dem HAP Grieshaber Preis ausgezeichnet. Jetzt gibt es eine weitere Würdigung: „Radical Beauty“ heißt ein aufwendig erstellter, umfassender Kunstband über das Werk Almut Lindes.

„Mit den Verfahren der Konzeptkunst, der Minimal Art und des Action-Paintings hat die Künstlerin eine eigene Ästhetik erschaffen, die ebenso wahrhaftig wie schön die Bewegung hinter den Werken sichtbar macht“, heißt es in einem Begleittext zu „Radical Beauty“. Gemeinsam mit den Menschen im jeweiligen Umfeld entwickelt Almut Linde Performances, aus denen wiederum Aktionsfotografien, Skulpturen, Installationen und Filme entstehen.

Dafür begibt sich die 1965 in Lübeck geborene Künstlerin an ungewöhnliche Orte. Das kann ein Wanderzirkus sein oder ein Manövergelände, eine gesperrte Bauruine oder ein Schlachthof. Im Jahre 2006 führte eine Performance von Almut Linde in die längst geschlossene Lüneburger Nordlandhalle. Zusammen mit Manuel Ludena gab die Künstlerin, beide in Atemschutzmaske und Overall, ein absurdes „Konzert im toten Raum“, dessen Videoaufzeichnung wiederum zu einer Installation verarbeitet wurde.

„Dirty Minimal“ nennt Almut Linde eines ihrer Programme für die Suche nach dem kleinen blinden Fleck auf der Netzhaut: „Das ist eine Methode, die Differenz zwischen Denken und Realität zu messen“, sagt sie, und: „Wichtige Kunstentwicklungen, die im Gefolge der Objektkunst entstehen, wie etwa der abstrakte Expressionismus, die Minimal Art und ihre unterschiedlichen Erweiterungen, haben die kunsteigenen Mittel — also Farbe, Farbauftrag, Form, Material und Raum — zum Inhalt der Kunst gemacht.“ „Die Folge“, so Almut Linde, „war ein Verlust der Verbindung zur alltäglichen Realität und den sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Bedeutungen der Formen, Verfahren, Materialien und Räume.“ („Radical Beauty“, Hrsg. Oliver Zybok, Texte von Martin Eisenmann, Almut Linde, Raimar Stange, Oliver Zybok, Interview mit der Künstlerin von Claudia Emmert, Deutsch/Englisch, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 256 Seiten, 328 Abbildungen, 39,80 Euro)