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Über den Charme des Verfalls

ff Lüneburg. Der Rost blüht, Baumzweige schieben sich durch zersplitterte Glasscheiben, Gras durchbricht Beton, Putz zerblättert zu malerischen Oberflächen: Manche Gebäude werden erst dann richtig bemerkenswert, wenn sie schon kaputt und für die Bewohner nicht mehr zu gebrauchen sind. Stephani Voß und Henner Sabellek haben mit den Mitteln der Malerei und der Fotografie solche malerisch-morbiden Szenarien festgehalten.

Ergebnisse sind ab Sonntag, 30. Juni, im Heinrich-Heine-Haus zu sehen. „Räume im Fluss“ heißt die Gemeinschaftsausstellung der beiden Brietlinger, die im Kern reale Motive zeigt, die aber mit verschiedenen Methoden erweitert beziehungsweise vertieft wurden.

Stephani Voß hat ihre Expedition in der Goseburg gestartet, um dann weitere Kreise zu ziehen. Verfallene Hütten, eine ausgemusterte Bundeswehrtankstelle, Autowracks, Schrott im Unkraut — Natur und Architektur in ästhetischer Symbiose.

Dabei hat die Malerin mitunter Motive kombiniert, etwa das Gebäude der künftigen Kulturbäckerei mit einem Rummelplatz. Ölmalerei hat immer etwas Bedeutsames, das steht im reizvollen Kontrast zur scheinbaren Tristesse der Räume, die vom Menschen verlassen und oft auch vergessen wurden, jedenfalls keinen erkennbaren Zweck mehr erfüllen.

Henner Sabellek nähert sich seinen Motiven mit ähnlicher Intention, auch ihm geht es um die Geschichten, die sich aus dem Prozess des Verfalls ergeben: Ruinen von Flughafengebäuden, Fabriken, Wohnhäusern, Hotels, gesehen in Lüneburg, Stendal und Schwerin, in Polen und in Tschechien. Die Bilder entstanden in „high dynamic range“-Technik, die es durch Mehrfachbelichtung ermöglicht, den gesamten fotografierten Raum zu konturieren und auszuleuchten. Auch diese Tiefenschärfe vom Grashalm vorn bis zur fernen Wolke mit dem allgegenwärtigen Licht, das keine erkennbare Quelle hat, gibt den Szenarien etwas Unwirkliches. Manche scheinen aus einem tschechischen Märchenfilm zu stammen — als wenn ein ganzes Team von Bühnenbildnern gearbeitet hätte, um eine schaurige Geschichte zu erzählen. Eben: Räume im Fluss.

Die Vernissage am Sonntag beginnt um 11 Uhr, den musikalischen Rahmen gestaltet der junge Pianist Antonio Chaves. Die Ausstellung läuft bis 21. Juli, jeweils sonnabends/sonntags von 11 bis 16 Uhr.