Mittwoch , 28. September 2016
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Digicam im Schlafzimmer

sel Lüneburg. Er ist mit dem Melitta-Mann, der Aufklärungssendung „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ und seinem Lieblingseis „Brauner Bär“ groß geworden — und heute allein mit diesem Schatz an kulturellen Erinnerungen. Denn seine Freundin Sina ist zwar ein Super-Geschoss, gehört mit ihren 25 Jahren allerdings den Apple-Jüngern an, die „es schaffen, das Sprachniveau der Menschen innerhalb einer Generation um 5 000 Jahre zurückzudrehen“. Deshalb steht es mit der Beziehung zwischen Stephan Bauer und seiner Sina nicht zum Besten: Zu groß sind die Unterschiede zwischen dem — anfangs — 40-Jährigen, der am Ende seines knapp dreistündigen Comedy-Programms „Warum heiraten? Leasing tut’s auch!“ auf wundersamer Weise ebenfalls Mitte 20 ist.

Das Ergebnis bleibt — trotz Wellness-Urlaubs und eines gemeinsamen Disco-Besuchs — ernüchternd: Sina kann nicht kochen, ihre versalzenen Muffins stellen sich als Frikadellen heraus. Und Stephan kann sich nicht mit der Digicam im Schlafzimmer anfreunden, auch wenn Sahneschnitte Sina meint: „Warum denn nicht? Fußballer arbeiten doch auch mit Video-Analysen.“

Klar weiß Stephan, dass es jungen Frauen primär auf innere Werte ankommt, und natürlich begrüßt der Comedian (der laut Vita 44 und gebürtiger Stader ist) die Errungenschaften der weiblichen Emanzipation. Etwa das 1,30 Meter hohe Dixie-Klo, das ein weiblicher Polier auf einer Baustelle eingeführt hat, um die Männer endlich zum Pinkeln im Sitzen zwingen zu können. Dennoch kratzt es gehörig an seinem Selbstbewusstsein, dass Sina sexuell fünfmal mehr Erfahrungen hat als er mit seinen bislang drei Frauen. „Dann stelle ich mir einen ‚Großen Bauern‘ auf den Küchentisch, das baut auf“, erzählt Bauer. „Aber Sina tauscht ihn sofort gegen einen Fruchtzwerg aus.“

Bauer beherrscht sein Metier, das bestens aufgelegte Publikum im Kulturforum Gut Wienebüttel bedauert ihn mit langgezogenen „Ohs“, wenn er von seinem körperlichen Verfall, seinem Monopoly-Kindheitstrauma und seinem peinlichen (nackten) Auftritt vor Sina und deren Freundin Jenny in Erwartung eines Dreiers erzählt. Er könnte auf Schlüpfrigkeiten bequem verzichten, streut aber doch einige davon ein — das Publikum, allen voran Frauen 40plus, danken es ihm johlend. Witzig ist Bauers Sprachakrobatik, wenn er in der Disse auf einen pomadigen Tänzer mit Migrationshinter- und vordergrund trifft, dem er lässig die Welt erklären will und dabei in dessen Faust fällt.

Comedy, die um das Thema „Frau gegen Mann“ kreist, funktioniert immer — wenn sie gut gemacht ist. Bauer kann’s, auch weil er Bogen schlägt zu den altlinken Gutmenschen, die unentwegt glutenfreies Dinkelbrot essen. „Wenn man Tiere nicht essen soll, warum sind sie dann aus Fleisch?“, fragt er in die Runde. Ähnlich prägnant fällt am Ende sein Fazit zum Miteinander der Geschlechter aus: „Wer Frauen versteht, der kann auch durch Null teilen.“