Aktuell
Home | Kultur Lokal | Jazz meets Wiener Charme
3373418.jpg

Jazz meets Wiener Charme

ff Bleckede. Manchmal gehört Lüneburg zu Deutschlands nördlichstem Bundesland — immer dann nämlich, wenn die Stadt zu den Konzert-Orten des Schleswig-Holstein Musik Festivals zählt. Und neuerdings ist Bleckede ein Teil Mecklenburg-Vorpommerns: Die Festspiele des Landes haben das Elbschloss in diesem Jahr in ihr Programm aufgenommen. Eine würdige Premiere: Es spielte die Bigband der Volksoper Wien. Als Solisten gingen der Violinist Daniel Hope und der Klarinettist Matthias Schorn, der als Artist in Residence im Mittelpunkt der Festspiele steht, auf die Bühne, Und nicht zuletzt: der US-Saxofonist und Bandleader Bob Mintzer.

Die Bigband einer Volksoper — das klingt nach Crossover, nach schwarzen Anzügen mit Turnschuhen. Tatsächlich lässt sich die Truppe nicht so leicht einordnen. Wann ist schon mal eine Jazzcombo mit vier Waldhörnern zu hören? Auch Daniel Hope, immerhin vierfacher Echo-Klassik-Preisträger, ist wohl eher selten für eine Bigband im Einsatz.

Er spielte — mehr „Fiddler“ als Violinist — eine zentrale Rolle in der Uraufführung von Bob Mintzers dreiteiligem Werk „People Music“: Der erste Satz zitiert die Fiddle-Musiktradition der Siedler in den Blue Ridge Mountains. Der zweite Satz gehört dem Swing nach Art von Louis Armstrong und Duke Ellington, der dritte führt hinaus zur Weltmusik, zu den weitreichenden Brücken, die mit Harmonie, Melodie und Rhythmus gebaut werden.

Die Uraufführung im ausverkauften Schlosshof gehörte zu den musikalischen Höhepunkten des Konzertes mit dem Titel „Some like it different“ — obwohl sicher jeder Besucher sein eigenes Lieblingsstück hatte. Jazz meets k.u.k Monarchie: Die „Fledermaus“-Ouvertüre musste man in der Swing-Fassung erst einmal wiedererkennen. Ähnliches galt auch für Tschaikowskis „Nussknacker“; bei dem Gershwin-Titel „But not for me“ war die Herkunft naturgemäß einfacher zu identifizieren.

Bei Friedrich Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ ließ Matthias Schorn seinen ganzen jugendlichen Charme spielen. Der Klarinettist war auch als Dirigent im Einsatz, die Leitung wechselte, zuweilen gab ein Musiker mittendrin die Zeichen, und das machte das junge Ensemble symphatisch. Es herrschte ein demokratischer Grundton, eine „anything goes“-Atmosphäre: amerikanische Coolness und Wiener Schmäh, die humorvollen Staccato-Passagen von Bernsteins Prelude and Fugues und der gnadenlose Kitsch zweier Frank-Sinatra-Hits: „My Way“ und „New York, New York“ — großes Gefühlskino im Cinemascope-Breitwand-Format.

Natürlich waren nach gut zwei Stunden Programm Zugaben fällig, wiederum im Jazz-Format: ein Lied aus Lehárs „Lustiger Witwe“ und den Radetzky-Marsch, der — im Kontrast zu den Neujahrskonzerten — völlig unmilitärisch daherkam.

Übrigens: Streng genommen war Bleckede nicht immer nur niedersächsisch: Der östlich der Elbe gelegene Teil der Stadt gehörte zur DDR und nach der Wende bis 1993 zu Mecklenburg-Vorpommern. Und das Amt Neuhaus feierte an diesem Wochenende seine Rückkehr in den Landkreis Lüneburg vor 20 Jahren. Es war eben wirklich ein Abend mit vielen Facetten.