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Ein Russe in Buenos Aires

ff Lüneburg. Russen sind notorisch schwermütig, immer irgendwie poetisch drauf und saufen sich ihr hartes Dasein mit einem selbstgebrannten Fusel erträglich, den man auch als Raketentreibstoff einsetzen könnte. Der gemeine Argentinier wiederum hat gegen den Weltschmerz den Tango erfunden, den er nächtelang in schummerigen Bordellen tanzt: zwei Klischees, die sich wunderbar kombinieren lassen. Russischen Tango spielte das Kibardin Quartett bei der Auftaktveranstaltung der Wienebütteler Sommernachtsmusik, und man könnte meinen, dass da etwas zu hören war, was ohnehin längst zusammengehört hätte: Freud und Leid, Wehmut und Temperament, Disziplin und der Hang zu Ausschweifungen.

Zwei Namen standen im Mittelpunkt des Abends: Efim Jourist und Astor Piazzolla. Der Komponist Efim Jourist aus der Ukraine, Jahrgang 1937, ein Virtuose des Knopfakkordeons (russisch: Bajan), studierte in Buenos Aires die Musik Piazzollas, von der er tief beeindruckt war. Nach seiner Übersiedlung 1995 nach Hamburg entwickelte Jourist eine mitreißende Crossover-Musik, die den pulsierenden Tango mit Themen russischer Volksmusik verbindet, geschrieben für ein Kammerquartett mit Violine, Kontrabass, Gitarre und natürlich Bajan. Efim Jourist starb 2007. Der Geiger Michael Kibardin aus Usbekistan war lange mit einem Ensemble im Namen Efim Jourists untewegs, es heißt jetzt Kibardin Quartett.

Und wie klingt das alles nun? Mit wodkaseligem Geschaukel und Geschlurfe hat diese Musik wenig zu tun. Sie erfordert technische Perfektion und Leidenschaft, ist spontan und doch perfekt durcharrangiert. Die Musiker schwelgen, schmachten, brechen in rasante Läufe aus, werfen sich die Bälle zu, gönnen sich nebenbei einen kleinen musikalischen Scherz und sind doch immer hundertprozentig auf Kurs.

Das Programm ist in einen Jourist- und einen Piazzolla-Part geteilt. Natürlich spielen die Musiker ein wenig mit den Klischees, am schönsten in jenem Stück, dass zwei Russen in einer Kneipe schildert. Der eine hat Liebeskummer und erzählt — von einem Gläschen zum nächsten — seinem Gegenüber das ganze Elend. Irgendwann, zu später Stunde, sind beide im Suff eingeschlafen.

So endet der Jourist-Teil. Die Kompositionen Piazzollas wirken dagegen deutlich energetischer, auch eckiger, ruppiger, zugleich artifizieller. Im Mittelpunkt stehen die „Vier Jahreszeiten, also Primavera, Verano, Otoo und Invierno — hochkomplexe Werke, die ahnen lassen, warum Piazzolla bis heute der mit Abstand berühmteste argentinische Komponist ist. Mit Wetterzustandsbeschreibungen ála Vivaldi hat diese Suite eigentlich nichts zu tun. Eine Hommage von Efim Jourist an Piazzolla fügte dann beide Teile des Konzertes zusammen, das vom Publikum begeistert gefeiert wurde und mit zwei Zugaben ausklang.