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Der Sommer wird noch schaurig

oc Bostelwiebeck/Wettenbostel. Axel Pätz besitzt eine Tuttlinger Krähe, eine Ingberter Pfanne und einen Rostocker Koggenzieher. Der Kabarettist kann noch einige Preise mehr wie den Obernburger Mühlstein im persönlichen Reliquienregal abstauben, sitzt jetzt aber am Tor zur Tenne in Bostelwiebeck und drückt die Tasten eines Akkordeons. Auf dem Rasen spielen Kinder Fußball, warten auf eine Kostümprobe. Ein paar Erwachsene aus dem Team tummeln sich auf der Straße und bosteln, was eine Weltneuheit auf dem Gebiet des Sports ist, aber hier kein Thema. Denn es geht um das Jahrmarkttheater, das zurzeit in Bostelwiebeck haust und in Wettenbostel probt – für „Dracula“, das Stück des Sommers, das ab 1. August einiges über „Das Fremde und das Böse“ vermitteln wird. Axel Pätz wird das Geschehen als Bänkelsänger begleiten.

Das Jahrmarkttheater auf dem Hof von Maria Krewet geht in seine sechste Saison. Die freie Bühne haben der Regisseur und Autor Thomas Matschoß und die Ausstatterin Anja Imig ins Leben gerufen. Sie starteten mit Shakespeare, griffen auf Goldoni zurück, haben eigene Stoffe entwickelt wie den „Heimat Abend“ und abenteuerreiche Literatur für ihre Form des Theaters zugeschnitten: „Der Graf von Monte Christo“ war auf dem modderigen Dorfteich inhaftiert, und nun legten Matschoß/Imig die Axt an einen Grusel-Klassiker: „Dracula“ von Bram Stoker, aus der Zeit um 1900.

„Wir behandeln den Roman sehr, sehr frei“, sagt Thomas Matschoß, „aber wir machen daraus keine Vampirkomödie.“ Vielmehr interessiert die Autoren das, was im Untertitel mit dem Fremden und dem Bösen benannt ist. „Man teilt die Welt ja gern ins das Gute und in das Andere, das Fremde ein. Das ist ein zentrales Thema bei uns: Wie erschafft man gesellschaftlich das Böse?“

Es gibt einen zweiten in die Tiefe weisenden Aspekt, da geht es um den Tod und um einen, der nicht tot sein kann und die Wiederholung von der Wiederholung von der Wiederholung durchmisst. „Der Mann lebt 470 Jahre, der hat alles erlebt, er ist müde. Er wird gemieden, er ist einsam, er hat sehr viel Zeit. Wir stellen nicht das Monströse der Figur nach vorn“, sagt Dracula-Darsteller Andreas Furcht. Sattes Theater soll es dennoch geben. Ein Lüneburger Zahnarzt hat Furcht stabile Vampirzähne gebaut, Dracula lebt nun mal vom Blut der anderen. „Es gibt wohl mehr Tote als im Roman“, mutmaßt Matschoß. Drei weibliche Vampire werden ebenfalls hungrig sein. Auch das ein Grund, warum die „Dracula“-Produktion nicht unbedingt kindergeeignet ist.

Andreas Furcht ist zum dritten Mal ins Jahrmarkttheater eingestiegen, er spielte im „Heimat Abend“, der in gekürzter Fassung zurückkehrt, und auch schon beim „Grafen von Monte Christo“. Unter den zwölf Akteuren – plus fünf Kindern – finden sich weitere, die sich auf dem Hof von Maria Krewet längst auskennen, etwa Maika Viehstädt und Maurice Schneider. Markus Voigt hat wieder Musik geschrieben, die der Bänkelsänger kommentierend, zusammenfassend, erklärend nutzen wird – und Regisseur Matschoß ist als Musiker vom Cello zum Kontrabass auf- bzw. abgestiegen.

Särge, Knoblauch, Wolfsgeheul – es wird wohl an nichts fehlen, was die Schauergeschichte braucht. Vielleicht saust zu später Stunde auch eine Fledermaus vorbei. Das Publikum wird wieder von Spielort zu Spielort ziehen, möglicherweise etwas weniger als sonst, und mit Sicherheit wird die Reithalle einbezogen – bei jedem Wetter. Vieles aber bekommt erst jetzt bei den Proben seinen endgültigen Charakter. Anja Imig ist zum Beispiel dabei, den Eichenhain optisch zu verändern.

Die Premiere in Wettenbostel (zwischen Wriedel und Diersbüttel) beginnt am Donnerstag, 1. August, um 19.30 Uhr. Bis zum 1. September sind 13 Vorstellungen angesetzt. Das wird noch gespielt in diesem Sommer: „Heimat Abend“ vom 22. bis 25. August. „Familien Quartett“ mit Mario Saccoccio am 30. August. „Emmas Glück“, Gastspiel der Freien Bühne Wendland am 15. und 18. August. „Die Geschichte vom kleinen Pit“ mit Christina Heitfeld und Anna Sinkemat für Kinder ab vier Jahren am 11., 23. und 25. August.