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Hinterm Horizont geht es weiter

as Lüneburg. Es ist ein weiterer großer Schritt in der Begleitung von Sterbenskranken auf ihrem letzten Lebensweg. Sonnabend wurde das St. Marianus II als zweiter Standort des Palliativzentrums eröffnet. Für Dr. Wolfgang Schwarz, Gründer des Palliativzentrums in Bardowick, geht damit auch ein persönliches Anliegen in Erfüllung: „Dass wir jederzeit ein Bett frei haben, um Sterbenskranke aufzunehmen und optimal versorgen zu können.“ Die LZ sprach mit dem Mediziner am Rande der Eröffnungsfeier über Erreichtes und darüber, was zur Palliativversorgung künftig noch geschehen muss.

Herr Dr. Schwarz, was will Palliativmedizin und was hat sich in den vergangenen 20 Jahren getan?

Dr. Schwarz: Palliativmedizin will unter Einsatz aller medizinischen und pflegerischen Möglichkeiten das Leiden der Schwerkranken lindern. Dabei sieht sie den Patienten in seiner Gesamtheit, also auch zusammen mit seinen Angehörigen. Ihr Ziel ist es, für jeden Menschen ein menschenwürdiges Lebensende zu ermöglichen.

Sie gelten als Motor in diesem Bereich, was hat Sie als Mediziner, aber auch ganz persönlich angetrieben?

Dr. Schwarz: Ärztliche Aufgabe ist nicht alleine das Heilen, sondern ebenso das Lindern und Trösten. Wo kann ich mich mit diesem Berufsbild mehr verwirklichen als bei Menschen, die dem Tode entgegengehen? Bei all seinen vielen schönen Seiten hat das Leben doch auch den Aspekt der Last und der Bürde. Diese Last tragen zu helfen – für den Patentienten ebenso wie für die oft extrem leidenden Angehörigen – das ist nicht nur Aufgabe eines guten Arztes, sondern so sehe ich persönlich auch das Mitmenschliche im Zusammenleben. Was haben meine Patienten nicht alles in ihrem Leben erlebt – Schönes und Schweres, Wunderbares und Furchtbares. Jetzt zu helfen, dass dieses Leben gut in Würde und ohne Leid endet, ist eine großartige Aufgabe.

Für welche Patienten ist die stationäre Begleitung gedacht und wie sieht die ambulante Versorgung in der Region aus, damit Patienten den letzten Lebensweg möglichst zu Hause verbringen können?

Dr. Schwarz: Stationäre Palliativversorgung ist vor allem für extrem schwere Fälle gedacht. Oft haben wir aber auch Patienten, denen es sehr wichtig ist, die Angehörigen zu entlasten, weil sie sehen, wie schwer diese es in der Begleitung haben. Manche haben gar keine Angehörigen, die sich um sie kümmern können.

Die ambulante Versorgung ist endlich nach vielen Jahren auf einem Niveau angekommen, welches für zirka 85 Prozent der Sterbenden ein Verbleiben in der Häuslichkeit ermöglicht. Wir haben ein Netz aus über 40 Ärzten und über 30 Pflegediensten gebildet. Alle Ärzte und Schwestern sind speziell in Palliativ-Betreuung ausgebildet. Dieses Netz (Marianus Care) versorgt die Schwerkranken zwischen Uelzen und Harburg. Alle Behandler haben Zeit für die Patienten, und es gibt auch einen eigenen Notdienst. Rund 400 Patienten werden so pro Jahr versorgt und nur zirka 15 Prozent müssen am Ende dann doch noch von zu Hause fort und eingewiesen werden. Das sah vor Jahren noch ganz anders aus.

Mit dem Marianus II bietet Ihr Palliativzentrum ingesamt 24 Betten an. Aufgrund des demografischen Wandels stellt sich die Frage, ob das auch künftig ausreichend sein wird?

Dr. Schwarz: Es ist richtig, so viel Kapazität wie möglich in den ambulanten Bereich zu investieren, denn der Mensch sollte dort sein Leben beenden, wo er es gelebt hat: zu Hause. Dafür sorgt das Netz, welches übrigens auch in die Pflegeheime geht und dort Patienten zusätzlich versorgt. Aber wir sehen wirklich deutlich steigende Zahlen. Zunächst einmal werden die 24 Betten jedoch ausreichen. Wie es in einigen Jahren aussieht, bleibt abzuwarten. Es war sehr schwierig, überhaupt für diese Bettenerweiterung einen Vertrag mit den Krankenkassen zu schließen, die den Bedarf trotz vorgelegter Zahlen bezweifelten, sich dann aber überzeugen ließen. Diese Nachricht erhielt ich erst vor sechs Tagen.

Sterben und Tod gehören zum Leben dazu, heißt es. Doch die Auseinandersetzung damit fällt vielen Menschen schwer, unter anderem aus Angst vor dem Ungewissen und Schmerzen. Wie geht es Ihnen damit?

Dr. Schwarz: Wenn ein Kind unter Schmerzen, Blut und Leid geboren wird, freuen sich alle, weil ein neues Leben entsteht. Wenn ein Mensch stirbt, können wir nicht mehr so recht daran glauben, dass der Tod auch eine Geburt ist: zu einem neuen Leben. Wir leben sehr diesseits-orientiert. Manchmal hilft es, mit den Patienten auch über spirituelle Fragen zu sprechen. Immer hilft es, wenn er spürt, dass er keine Schmerzen haben muss und nicht entwürdigt wird. Ich persönlich glaube daran, dass es nach dem Tode gut weitergeht. Ich bin gespannt darauf, weil sich dann der Horizont erweitert und man vielleicht endlich alles versteht. Aber ich habe es wirklich überhaupt nicht eilig, diesen Moment zu erleben. Dazu ist dieses Leben zu schön. Und heute ganz besonders.