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Arche-Region in der Bürokratiefalle

Sie ist die erste in Deutschland, gilt als Vorzeigeprojekt – und lockt seit ihrer Gründung im Januar 2011 einen Minister nach dem nächsten ins Amt Neuhaus: die Arche-Region. In dieser Woche stand am Mittwoch, 4. September, zunächst der Besuch von Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel auf dem Programm, am Sonntag wird Landwirtschaftsminister Christian Meyer erwartet. Termine, bei denen die Mitglieder der Arche-Region aber kein kleinbäuerliches Idyll zeigen wollen. Sie kämpfen für die Zukunft der Arche – denn die droht im immer größer werdenden Bürokratiesumpf zu versinken.

off Stiepelse. Frank Hübner hat sich in Deutschlands erster Arche-Region einen Traum erfüllt. Im Elbdörfchen Vockfey hat der 51-Jährige vor vier Jahren Bauernhof und Land gepachtet, sich Bunte Bentheimer Schweine, Schwarzbunte Niederungsrinder und Skudder Wildschafe gekauft, in die Freilandhaltung investiert und sich mit der Direktvermarktung seiner Produkte eine neue Existenz aufgebaut. „Dass das nicht leicht wird, war mir klar“, sagt er. Doch dass die Haltung bedrohter Nutztierrassen so schwer wird, hat Hübner nicht geahnt. Schuld daran sind allerdings nicht die Tiere, das Wetter oder die harte Arbeit. „Bedroht wird meine Existenz von den vielen Auflagen, die ich erfüllen muss und die mir Geld und wertvolle Zeit rauben“, sagt er. Ein Problem, mit dem Frank Hübner nicht allein ist.

Schon seit Jahren kämpfen Halter bedrohter Nutztierrassen aus der Region gegen den Bürokratiesumpf. Das bisher bekanntestes Beispiel: die Aufstallpflicht für Geflügel. Aus Angst der Behörden vor der Vogelgrippe mussten Hühner, Gänse und Enten an der Elbe im Kreis Lüneburg bisher jedes Jahr mehrere Monate lang im Stall bleiben, während ihre Artgenossen in Nachbarkreisen weiter frei laufen durften. Nach langem Kampf hat Berlin diese Auflage mittlerweile zwar gekippt. „Doch gelöst ist für unsere Tierhalter damit nur ein Problem“, sagt Arche-Mitbegründer Hartmut Heckenroth.

Aktuell besonders unter Druck sind Halter kleiner Schweineherden wie Frank Hübner und Berufskollege Sören Vogt aus Stiepelse. Beide züchten und mästen rund zwei Dutzend Bunte Bentheimer unter freiem Himmel, beiden dient die Landwirtschaft als Haupterwerb – und beide beklagen: „Die bestehenden Auflagen machen die Haltung weniger Schweine schlicht unökonomisch.“ Mehr als ein Drittel ihrer Zeit und jährlich etliche 100 Euro müssten sie investieren, um erfüllen zu können, was die Behörden verlangen. „Und das ist zum Teil auch noch völliger Unsinn“, klagt Hübner.

Ein Beispiel: Laut Schweinehaltungshygieneverordnung müssen die Landwirte Futter und Einstreu sicher vor Wildschweinen lagern. Das macht viel Arbeit, ist aber völlig unlogisch, findet Hübner. „Das Stroh steht auf dem Feld, die Wildscheine laufen darin rum und alles ist gut“, sagt er, „warum soll die Gefahr der Schweinepestübertragung dann plötzlich da sein, wenn das Stroh gepresst am Feldrand liegt.“

Doch das ist nur eine Auflage, die Hübner und Vogt das Wirtschaften schwer macht. Hinzu kommt, dass sie ihr Fleisch aus Hausschlachtungen nicht verkaufen dürfen und für jedes Tier weit über 100 Kilometer zum Schlachthof und zurück fahren müssen. Dass sie ihre Ausläufe mit zwei speziellen Zäunen sichern müssen. Dass jeder Besucher ihre Schweineweide nur in Schutzkleidung betreten darf. Dass sie einen Raum zum Umkleiden vorweisen müssen. Dass sie ständig Geld und Zeit in irgendwelche Kontrollen stecken müssen. „Jede einzelne Auflage mag ja noch erfüllbar sein“, sagt Hübner, „aber in der Summe gefährden sie unsere Existenz.“ Und es kommt noch schlimmer: Der Entwurf zur Verschärfung der Schweinehaltungshygieneverordnung liegt bereits zur Absegnung in Berlin.

Von Behörden und Politik fordern Initiatoren und Tierhalter der Arche-Region deshalb: Bei den Auflagen müssen endlich Unterschiede gemacht werden zwischen Betrieben mit mehreren tausend Tieren und kleinen Höfen mit 20 Schweinen. Gelingt das nicht, „werden weitere Halter bedrohter Nutztierrassen aufgeben“, glaubt Heckenroth, „und dann wird die Bürokratie eines Tages zum Totengräber der Arche-Region.“