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Notrufsäulen funken SOS

kre Lüneburg. Blütenstaub, Schmutz und Moos haben sich wie Patina auf die orangene Säule gelegt. Doch das ist wohl kaum der Grund dafür, dass nur noch die wenigsten Autofahrer die orangenen Säule mit der Aufschrift ,,SOS“ und dem stilisierten Telefon an der Landesstraße 221 zwischen Neetze und Bleckede bewusst wahrnehmen. Das NRT 80 — so lautet die korrekte Abkürzung für das Notruftelefon am Straßenrand — ist ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Es stammt aus einer Zeit, als die Mobilität auf Deutschlands Straßen rasant zunahm, Mobiltelefone aber noch Science Fiction waren.

Krachte es auf Deutschlands Straßen, dauerte es oft eine Ewigkeit, bis die Retter alarmiert werden konnten. Bis Anfang der 1970er-Jahre die ersten Notruftelefone an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen aufgestellt wurden. Initiiert von der Björn-Steiger- und später auch von der Jürgen-Pegler-Stiftung. Beides private Initiativen, die nach dem Unfalltod zweier junger Menschen ins Leben gerufen wurden, weil es damals noch nicht möglich war, rasch Rettungswagen zum Unfallort herbeizurufen.

Und heute? Es gibt sie immer noch im Straßenbild. Viele schon 40 Jahre alt, Antiquitäten fast schon. Trotzdem sind alle immer noch einsatzbereit. Auch wenn sie nicht mehr oft gebraucht werden. ,,103 Notrufsäulen, die in den Kreisen Lüneburg, Harburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen stehen, laufen bei uns im Lagezentrum der Polizei in Lüneburg auf“, berichtet Hauptkommissarin Wiebke Hennig. Allerdings könne sich keiner ihrer Kollegen erinnern, dass in jüngerer Zeit ein Notruf über die NRT 80 gemeldet wurde.

Als Relikt vergangener Tage bezeichnet auch Mirko Dannenfeld, Leiter der Feuerwehreinsatz- und Rettungsleitstelle Lüneburg, die Säulen an den Straßen. ,,Die Geräte werden kaum noch genutzt“, sagt er. Sieben Säulen entlang der B209 sind seinen Worten zufolge auf die Rettungsleitstelle geschaltet — ,,in den vergangenen 13 Jahren kam nur ein Notruf rein“, erinnert sich der Chef der Leitstelle und fügt hinzu: ,,Heute werden die Rettungskräfte über Handy informiert.“

Trotzdem: Solange die Notrufsäulen stehen, solange werden sie gewartet und instand gehalten. Auch wenn das aufgrund des Alters der Anlagen und der Ersatzteil-Beschaffung immer schwieriger wird. ,,Ein Kollege von uns kontrolliert regelmäßig vor Ort alle Notruftelefone auf ihre Funktion“, berichtet Wiebke Hennig. Müssen Reparaturen vorgenommen werden, werde das an die Telekom gemeldet. Denn die hat längst die Notruftelefone übernommen. Doch auch dort stellt man fest, dass die Technik von gestern für die Notrufe von heute offenbar nicht mehr gebraucht wird. ,,In Zeiten, in denen praktisch jeder ein Handy besitzt, mit dem er im Notfall Hilfe herbeirufen kann, muss man sich schon fragen, ob es Sinn macht, die Anlagen weiter in Schuss zu halten“, sagt Telekom-Sprecher George-Stephen McKinney auf LZ-Anfrage, verweist dabei auch auf die hohen Unterhaltungskosten.

Den orangenen ,,Lebensrettern“ am Straßenrand — ob sie an den Bundes-, Landes- oder Kreisstraßen stehen — droht also langsam aber sicher das Ende. Doch bis es so weit ist, werden die Säulen weiterhin bereitstehen. Für den Fall der Fälle. Denn trotz der vielen Millionen Handys, die in Deutschland in Betrieb sind: Es sind auch immer noch Menschen in Autos unterwegs, die diese Technik nicht besitzen. Und für die ist es ein gutes Gefühl zu wissen: Im Notfall gibt es immer noch die jahrzehntelang bewährten Notruftelefone am Straßenrand.