Mittwoch , 28. September 2016
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Kein Asyl im alten Vogeley-Heim

ca Lüneburg. Waren Anwohner zunächst skeptisch, als es hieß, dass die Stadt im ehemaligen Anna-Vogeley-Seniorenzentrum (AVS) 40 Asylbewerber unterbringen will, war die Stimmung bei einer Bürgerversammlung am Dienstagabend im Geschwister-Scholl-Haus auf dem Bockelsberg eine ganz andere: Die Flüchtlinge seien willkommen, sagten mehrere Anlieger. Mancher bot bei der von den Ratsfraktionen von SPD und Grünen organisierten Veranstaltung gar Hilfe an, etwa bei Deutschkursen. Doch gestern stellte sich heraus, dass die ganze Aufregung wohl gar nicht hätte sein müssen. Denn die Gesellschaft Campus, die das AVS für 20 Jahre gemietet hat, sieht sich gar nicht in der Lage, Räume für Asylbewerber zur Verfügung zu stellen.

Geschäftsführer Klaus Hoppe erklärt, er habe der Stadt bereits vor etwa einem Monat schriftlich mitgeteilt, dass er allenfalls für kurze Zeit, das meint vier bis sechs Wochen, Zimmer überlassen könne. Auch dies sei nur eingeschränkt möglich, da in dem betreffenden Trakt Sanierungsarbeiten anstünden. So müssten defekte Abflüsse und Rohre ausgetauscht, die Räume hergerichtet werden. Die Arbeiten dafür würden mehrere Wochen dauern, Aufträge seien nicht erteilt.

„Langfristig, also eventuell über Jahre, können wir hier niemanden aufnehmen“, sagt Hoppe. Das hänge mit der Grundkonzeption des 9500 Quadratmeter großen Komplexes zusammen. „Das Haus hat zwei Jahre leergestanden, bevor wir es von der Gesundheitsholding übernommen haben. Die hatte in dieser Zeit keinen Mieter finden können.“ Hoppe und seine Mitarbeiter wollen bis Ende des Jahres 60 Studenten eine Bleibe anbieten, zudem hat er drei Wohngemeinschaften aus der Frommestraße untergebracht. Im Keller liegt die Großküche der Campus-Gastronomie, in einen weiteren Teil soll das Schulbiologie- und Umweltbildungszentrum (Schubz) einziehen. Den Part dazwischen will er als Büros für verschiedene Firmen und Organisationen vermieten beziehungsweise hat es schon getan. Alles sei durchgeplant, die Asyllösung sei in dieser Konzeption nicht umzusetzen.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge hingegen sieht die Sache anders: „Steht dort Wohnraum leer, werden wir ihn nutzen.“ Darüber werde er mit Hoppe persönlich reden. Auch wenn die Stadt das AVS über die Gesundheitsholding an Hoppe vermietet habe, sei sie doch letztlich Eigentümer des Objekts. Von Druck oder gar Zwang gegenüber Campus will Mädge nicht sprechen. Er betont: „Wir haben seit Jahren ein partnerschaftliches Verhältnis. Wir haben Herrn Hoppe geholfen, auch indem wir einen Mietvertrag für das Schubz mit ihm schließen wollen. Und ich erwarte, dass er uns bei unseren Problemen hilft.“ Es sei offen, wann und ob die Stadt die Kapazitäten benötige. Sollte Campus die Räume belegt haben, werde die Stadt nicht auf den Komplex zugreifen.

Wie es schon Sozialamtsleiter Waldemar Herder am Dienstag in der Veranstaltung von SPD und Grünen erklärt hatte, erläutert Mädge das Unterbringungskonzept der Stadt: Die Unterkunft am Meisterweg hat 100 Plätze und ist fast vollständig belegt. Möglicherweise muss die Stadt bis Jahresende rund 120 Asylbewerber unterbringen. Im kommenden Jahr könnten aufgrund der zunehmenden Flüchtlingsströme etwa aus Syrien weitere 200 Menschen dazukommen. Zunächst will das Rathaus einen Block in der Schlieffen-Kaserne nutzen, dort könnten mehr als 100 Personen Unterkunft finden. Darüber hinaus komme das AVS infrage mit maximal 40 Plätzen. Im dritten Schritt wäre es denkbar, wie bereits in den 90er-Jahren, eine Containersiedlung neben die Feuerwehr in Rettmer zu stellen. Kostenpunkt für Ankauf und Herrichten der Boxen: zwischen 800 000 und einer Million Euro.

Mädge betont, die Stadt wolle auf keinen Fall Turnhallen nutzen oder gar – wie auch während des Balkankrieges in den 90er Jahren geschehen – Zelte im Hasenburger Grund aufstellen, um Familien unterzubringen.