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Schief, aber mit System

ca Lüneburg. Eisenbieger, das klingt nach Kerlen mit Unterarmen wie Baumstämmen. Doch Daniel Haarmann braucht keine Kraftprotze, sondern Handwerker, die eher ,,filigran arbeiten können“. Denn der Oberbauleiter auf der Leuphana-Baustelle muss eigenwillig bauen. Die Arbeiter biegen Eisenstreben in den richtigen Winkel, Betonbauer setzen die Schalung so schief, aber exakt, dass sie den Plänen genügen. Alles millimetergenau mit Loten und Vermessungsinstrumenten. Schließlich will die Uni am Ende einen schrägen Bau auf dem Campus stehen haben. Etwas Besonderes, das über die Grenzen Lüneburgs Beachtung findet. Einer der heute berühmtesten Architekten, Daniel Libeskind, hat den Entwurf gezeichnet. Architekt Daniel Haarmann vom Berliner Büro rw+ setzt Libeskinds Idee in die Wirklichkeit um.

An dem Bau hat sich eine Debatte entzündet, passt er zur Backstein-Romantik der Salzstadt? Ist er nicht zu massiv? Und die Finanzierung des mit rund 58 Millionen Euro kalkulierten Baus, der schon jetzt rund sieben Millionen Euro teurer ausfallen dürfte, beschäftigt Politik und die Betrugsermittler der Europäischen Union. Auf der Baustelle spielt das alles keine Rolle. Die Männer dort erledigen einfach ihren Job.

Während mancher Lüneburger den Eindruck hat, es geht mit Audimax und Zentralgebäude, die am Ende rund 13000 Quadratmeter Fläche haben werden, eher schleppend voran, muss man nur in die Tiefe gehen, um zu erkennen: Die Arbeiter sind ziemlich weit. Der Keller reicht sieben Meter tief, 4700 Quadratmeter groß ist die Grundfläche. Dort finden sich schon die scheinbar fliehenden Wände, die sich in der Spitze bis in 37 Meter Höhe emporschwingen sollen.

Haarmann führt durch einen Wald aus Stahlstreben, die eine Decke stützen. ,,Der Beton braucht etwa einen Monat zum Austrocknen, um die volle Last zu tragen“, sagt der 44-Jährige. Sogenannte Drehstreifen nehmen dem Beton also ein wenig Arbeit ab. Doch der Wald soll bald noch weiter wachsen: Denn wenn oben neue Wände gegossen werden, steigt der Druck. Später trägt sich die ge-samte Konstruktion durch verschiedene sich stützende und ziehende Bauelemente selber.

Libeskinds Entwurf, der anmutet, als sei ein Raumschiff auf dem Bockelsberg gelandet, besteht aus vier Baukörpern: Audimax, sowie Studenten-, Seminar- und Forschungszentrum. ,,Die Stahlkonstruktion des Seminarzentrums hängt im Gebäudeteil Forschungszentrum“, erklärt Haarmann.

Zum Einbau der Stahlkonstruktion und der Betondecken müssen Pressen diesen Bauteil immer wieder in Position bringen. Dazu werden Lasttürme genutzt, die vorübergehend als Stützen wirken. Werden sie weggenommen, soll der Komplex geplant um 15 Zentimeter nachgeben. Da die Lasten und der Zug mit steigendem Gewicht zunehmen, muss die Konstruktion Stück für Stück und genau aufeinander abgestimmt wachsen.

,,Das ist kompliziert“, sagt Haarmann. Damit sich alles trägt, muss ähnlich wie bei einer Brücke ein Widerlager entstehen. Auch beim Bau benötigen die Experten Gegengewichte. So haben sie beispielsweise auf einer Seite sieben 1,20 Meter tiefe Fundamentstreifen aus Beton in den Boden gegossen, sie halten die Betonmauern, die nun entstehen. Auf der Baustelle haben Arbeiter für die Wände die nächsten Wandschalungen aufgestellt, zwischen den abgestützen Platten wuchert ein Gewirr von Eisenstreben, über die Handwerker dann flüssigen Beton schütten. Eine Art vibrierende Flasche rüttelt durch die Masse, so dass sich alles verdichtet und keine großen Luftblasen entstehen.

Später, wenn Arbeiter die bis zu sieben Ebenen in das Gebäude eingezogen haben, soll sich alles selber halten und stützen. Die neben den Bau gelegten Stützfundamente verschwinden wieder.

Der lange Winter und anfängliche Störungen im Bauablauf lassen den Bau ein halbes Jahr hinter der Planung hinterherhinken. Doch nun komme man gut voran, sagt Diplom-Ingenieur Haarmann, der die Gewerke wie ein Dirigent zum Zusammenspiel führen muss. Da hat er noch eine Menge Arbeit vor sich: In zwei Jahren, im August 2015, soll der gewaltige Bau fertig werden. Dann wird sich auch zeigen, ob alle schrägen Begebenheit am Ende ein gerades Ergebnis haben.

Haarmann erzählt, dass Baumeister einst eine Nacht unter ihren Bögen und Brücken schlafen mussten, bevor die Öffentlichkeit die Bauwerke nutzte — die wollte nicht unter einstürzenden Neubauten begraben werden. Haarmann ist optimistisch: ,,Ich würde unter jeder Schräge des Gebäudes eine Nacht verbringen.“