Donnerstag , 8. Dezember 2016
Aktuell
Home | Lokales | Der Mann, der mit den Rindern flüstert

Der Mann, der mit den Rindern flüstert

off Echem. Philipp Wenz steht in der Echemer Elbmarsch hinter einer Rinderherde und wiegt seinen Oberkörper hin und her. Nach wenigen Sekunden dreht sich das erste Tier nach ihm um, kurz darauf das zweite, dann setzt sich die Herde langsam in Bewegung — und durch das Zuschauerfeld am Zaunrand geht ein beeindrucktes Raunen. Aus ganz Norddeutschland sind Bauern und Bäuerinnen ins Landwirtschaftliche Bildungszentrum (LBZ) nach Echem gekommen, um von Wenz zu lernen. Dem Kuhflüsterer des Nordens. Und dem Mann, der seit 2008 zeigt: „Rinder tun genau das, was wir ihnen sagen. Vorausgesetzt, wir wissen, was wir sagen.“

Noch vor zehn Jahren wusste das auch Philipp Wenz nicht. In Mecklenburg-Vorpommern leitete der studierte Landwirt damals einen Betrieb mit 300 Mutterkühen — und erlebte das Treiben der Rinder wie viele Berufskollegen: als Stress pur für Mensch und Tier. „Dieser Umgang mit den Rindern war für mich völlig unbefriedigend“, sagt Wenz, „also fragte ich mich, wie kann das besser gehen?“ Wenz machte sich auf die Suche nach Alternativen und stieß in den USA auf das Low-Stress-Stockmanship. Eine einfache Technik, um mit Herdentieren stressfrei umzugehen — und eine Methode, von der er mittlerweile auch immer mehr deutsche Bauern überzeugt.

Insgesamt vier Tagesseminare hat Wenz in Echem angeboten, „gekommen sind Teilnehmer bis aus Wuppertal“, sagt LBZ-Mitarbeiter Bernhard Ende. Eine von ihnen ist die 41 Jahre alte Marion Leseberg-Dröge, mit ihrem Mann hält sie in der Nähe von Walsrode eine Herde mit 25 Mutterkühen und hat vor wenigen Monaten miterlebt, was beim Umgang mit Rindern alles passieren kann. „Bei dem Versuch, eine Färse mit dem Treibewagen abzutrennen, hat mein Mann fast einen Finger verloren“, sagt sie. Jetzt weiß sie: „Ich bin dem Tier zu schnell zu nah gekommen, deshalb ist es in Panik geraten.“ Ein Fehler, den sie nicht mehr machen wird. Dank Philipp Wenz.

Sonnenschein in der Echemer Elbmarsch, alle starren gebannt auf Kuhflüsterer und Rinder. Allein mit der Bewegung seines Oberkörpers hat Wenz sich die Aufmerksamkeit der Tiere gesichert und ihnen das Signal zum Weggehen gegeben, jetzt schreitet er im Zickzack hinter ihnen her, steuert die Tiere nur mit seinen Bewegungen über die Weide. „Rinder sind genaue Beobachter und reagieren sofort auf unsere Signale“, sagt er, „deswegen müssen wir lernen, wie wir auf sie wirken und welche Signale sie uns geben.“ Läuft ein Rind zum Beispiel in die falsche Richtung, sei nicht das Tier schuld. „Dann haben Sie es mit Ihren Bewegungen in die falsche Richtung geschickt.“ Eine erste Erkenntnis auf dem Weg zum stressfreien Umgang mit Rindern. Und nicht nur das: Low-Stress-Stockmanship kann den Arbeitsalltag von Rinderhaltern auch sicherer machen.

Bundesweit werden der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft jährlich mehr als 1900 Unfälle mit Rindern gemeldet, oft mit schweren, immer wieder auch mit tödlichen Folgen. Grund genug für die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, für die Gefahr zu sensibilisieren und — wie jetzt in Echem — die Seminare mit Wenz kostenlos anzubieten. „Landwirte lernen in der Ausbildung viel“, sagt der zuständige Mitarbeiter der Sozialversicherung, Christian Lüschow, „Kuhpsychologie gehört nicht dazu.“ Dabei ist sie für den Umgang mit Fleischrind, Mutterkuh und Milchvieh wichtig, „im Notfall sogar überlebenswichtig“.

Für Wenz spricht allerdings noch ein völlig anderer Grund für das Low-Stress-Stockmanship. Ein ganz einfacher. „Es macht einfach Spaß, auf diese Weise mit den Tieren zu arbeiten“, sagt er. So viel, dass er nie wieder etwas anderes sein will als Kuhflüsterer.