Donnerstag , 29. September 2016
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Suchthelfer im Betrieb

kre Lüneburg. Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren. Man(n) will schließlich kein Spielverderber sein. Und wenn der Arbeitstag mal wieder ordentlich stressig war? Der „Absacker“ am Abend bringt einen wieder runter.

Es gibt viele Sprüche, mit denen man sich den Griff zur Flasche schönreden kann. Alkohol ist gesellschaftsfähig. Doch was gern verdrängt wird: „Alkohol als ,Volksdroge Nummer 1′ macht auch vor der Arbeitswelt nicht halt,“ beobachtet Bernd Wiechel, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Lüneburg Nordostniedersachsen (AV). Mit Folgen: Je nach Statistik gilt jeder achte bis 20. Arbeitnehmer als alkoholsuchtgefährdet – nicht nur die volkswirtschaftlichen Folgen sind immens.

„Das Problem ist bekannt“, sagt Wiechel. „Die Arbeitgeber schauen auch nicht weg, sondern kommen ihrer Fürsorgepflicht gegenüber betroffenen Mitarbeitern nach und versuchen zu helfen.“ Beispielsweise durch Seminarangebote zum „Betrieblichen Suchtkrankenhelfer.“ Zu einer entsprechenden Auftaktveranstaltung lädt der Arbeitgeberverband interessierte Arbeitgeber und Führungskräfte für Dienstag, 17. September, in die Verbandsgeschäftsstelle, Stadtkoppel 12, ein. Ab 16 Uhr werden Experten der Cloppenburger Vita-Akademie in die Problematik einführen und die Inhalte des fünftägigen Seminars vorstellen.

In Lüneburg gibt es schon Betriebe, die – quasi mit Bordmitteln – ehrenamtliche Suchthelfer ausgebildet haben. Etwa ein großer Automobilzulieferer. Dort herrscht nicht nur im gesamten Unternehmen Alkoholverbot, „sondern es wurden eigens auch Suchthelfer ausgebildet, die Betroffenen bei Bedarf als Ansprechpartner mit Rat und Tat zur Seite stehen“, weiß Wiechel, fügt hinzu: „Es geht nicht darum, Menschen mit Suchterkrankungen zu denunzieren und zu bestrafen, sondern ihnen zu helfen und so dafür Sorge zu tragen, dass ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt.“

Diese Hilfen gelten nicht nur für Menschen, die ein Alkoholproblem haben, „sondern bei Suchtgefahren generell“, stellt Wiechel klar. Medikamenten- und Drogenmissbrauch seien Suchterkrankungen, für die betriebliche Suchtkrankenhelfer ebenfalls sensibilisiert werden.

Und die Weichen Richtung Sucht werden oft schon früh gestellt, weiß auch Renate Peters vom Arbeitgeberverband. „Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass jeder zweite Student bereits Aufputschmittel zu sich nimmt, um den hohen Anforderungen des Studiums gerecht zu werden.“ Und ihre Kollegin Wiebke Krohn ergänzt: „Die Einnahme leistungssteigernder Tabletten ist auch bei Frauen und Führungskräften weit verbreitet.“ Stress am Arbeitsplatz, ständige Erreichbarkeit – die Anforderungen der modernen Arbeitswelt treiben offenbar immer mehr Arbeitnehmer in die Abhängigkeit.

Im Fehlzeiten-Report der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) ist aufgelistet, welche Folgen die Suchtkrankheiten auch wirtschaftlich verursachen: „Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage stieg demnach von 2,07 Millionen im Jahr 2002 auf 2,42 Millionen 2012“, gibt Wiechel zu bedenken.

Das wissenschaftliche Institut der AOK schätzt, dass der deutschen Wirtschaft durch Suchterkrankungen der gesetzlich versicherten Arbeitnehmer allein im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Euro an Arbeitsproduktivität verloren gegangen sind. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs“, glaubt Wiechel. Und der stellvertretende AV-Hauptgeschäftsführer Martin Schwickrath fügt hinzu: „Wenn ein Arbeitgeber einen Beschäftigten wissentlich ,berauscht‘ arbeiten lässt, verstoßen beide gegen arbeitsvertragliche Verplichtungen.“

Damit es erst gar nicht soweit kommt, bietet der AV das Suchthelferseminar an.