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Die Angst vorm nächsten Mal

dth/ca Bütlingen. Der Schreck fährt auch Hubert Wigel in die Glieder, als erneut die Sirenen in Bütlingen aufheulen. „Jetzt geht’s auch hier schon am Tag los mit den Bränden“, schießt es dem Mitglied der Altersabteilung der Bütlinger Ortsfeuerwehr durch den Kopf, und er eilt zur Einsatzstelle, um zu helfen. Dort gibt es diesmal Entwarnung: Beim bereits am Montag, 9. September, abgebrannten Reetdachhaus hat sich erneut Rauch entwickelt. Doch die Sorge, dass der Feuerteufel in der Elbmarsch erneut zuschlagen könnte, ist allgegenwärtig und reicht über die Landkreisgrenze hinweg. Die Feuerwehren sind weiter in Bereitschaft, manche Bürger laufen Wache, die Gemeinden lassen die Straßenbeleuchtung vielerorts nachts durchgehend eingeschaltet, und alle hoffen auf schnelle Ermittlungserfolge der Polizei.

Bei der Polizei sind zwar einige Hinweise eingegangen, doch der entscheidende war noch nicht darunter. „Die Bevölkerung meldet sich, auch nachts“, sagt Winsens Polizeisprecher Jan Krüger. Seine Kollegen gingen den Anrufen nach, die aus der Elbmarsch kommen. Inzwischen kann die Polizei auch den Schaden schätzen, den der jüngste Brand an der Elbuferstraße in Marschacht verursacht hat: tief gegriffen rund 150 000 Euro. Alles in allem gehen die Ermittler davon aus, dass die Brände Werte von mindestens einer dreiviertel Million Euro vernichtet haben.

Die Sorge geht auch in der Samtgemeinde Bardowick um. In St. Dionys säßen manche schon teilweise auf gepackten Koffern, sagt Pastorin Daniela Jensen, deren Kirchengemeinde auch Bütlingen im Landkreis Harburg umfasst. Dort ist die Pastorin derzeit besonders als Seelsorgerin gefragt, nachdem Brandstifter allein in dem Elbmarschdorf in den vergangenen sieben Tagen zwei Häuser niederbrannten. Jensen sagt: „Dabei haben die Menschen nicht nur Angst um das eigene Hab und Gut, sondern bangen auch mit um diejenigen, die in der Nachbarschaft betroffen sind.“

Tief sitzt denn auch noch der Schrecken in Obermarschacht, wo zuletzt am Donnerstag, 12. September, an der Elbuferstraße ein Einfamilienhaus ein Raub der Flammen wurde. „Die Sorge in der Gemeinde ist extrem hoch“, sagt Marschachts Pastorin Sarah Oltmanns. „Ich weiß von manchen, dass ihre Kinder nachts nicht mehr ruhig schlafen können . . .“ Und es gebe auch schon „den Blick des Misstrauens“, dass jemand aus der eigenen Mitte der Urheber der Brandserie sein könnte. Oltmanns: „Ich beobachte die volle Bandbreite der Emotionen, von Wut über Verzweiflung, Rachegelüste, Angst, Panik . . . Aber es gibt auch das gute Gefühle, dass wir in einer Gemeinschaft leben, die tragen kann, in der wir uns gegenseitig aushelfen und aufeinander achtgeben.“

Die Ereignisse noch nicht ganz begreifen kann die Bütlingerin Heike Heuer. Die 70-Jährige sitzt gestern auf einem roten Plastikhocker in ihrem Hauseingang und schaut auf die Reste des Nachbargebäudes, das am vergangenen Sonnabend von den Flammen zerstört wurde. Am Abend des Brandes hatte sie den Feuerwehrleuten Kaffee gekocht, weil sie irgendwie helfen wollte. Sie schaut über die Straße und sagt: „Klar fährt die Polizei jetzt hier viel herum und die Leute gehen mit Hunden spazieren und passen auf, aber man hat doch Angst, dass wieder etwas passiert.“

Damit die Bürger auch nachts leichter ein wachsames Auge auf ihr Dorf werfen können, hat Tespes ehrenamtlicher Bürgermeister Jörg Werner veranlasst, dass in Bütlingen und Tespe die Straßenbeleuchtung durchgehend eingeschaltet bleibt, ähnlich wie jetzt auch in Marschacht, Rönne oder Oldershausen. Der hauptberufliche Polizeibeamte Werner appelliert an die Einwohner, nicht in Gruppen durch die Straßen zu streifen, um Wache zu halten, sondern: „Wenn jeder sein Umfeld im Blick behält, bekommen wir die größtmögliche Abdeckung.“

Ähnlich handhabt es privat auch Lutz Wreide, Pressewart der Samtgemeindefeuerwehr Elbmarsch: „Ich lasse auf meinem Grundstück die Außenbeleuchtung an und habe einen wachsamen Hund.“ Zu den aktuellen Herausforderungen für die ehrenamtlichen Brandschützer sagt er: „Der Brand in Marschacht war ein Tageseinsatz, da ist es schwerer, Personal heranzukriegen.“ Doch die Elbmarscher sind nicht auf sich allein gestellt. Neben anderen Kräften waren etwa am Montag in Bütlingen auch Feuerwehrleute aus der Samtgemeinde Bardowick im Einsatz. Sven Lehmann, Sprecher der Bardowicker Samtgemeindefeuerwehr, sagt: „Um die Kameraden in der Elbmarsch zu entlasten, stehen wir bereit, sollte es beispielsweise in Bütlingen wieder zu einem Gebäudebrand kommen . . . was wir nicht hoffen.“