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Ein Revoluzzer und seine „Puschen“

org Putensen. 380 Einwohner und ein Revoluzzer: Als Helmuth Dallmer vor fast 40 Jahren seine neueste Erfindung auf den Markt bringen wollte, wurde er der Messe verwiesen. Am Montag, 16. September, wird Dallmer 90 Jahre alt – und seine Firma ist Weltmarktführer. Bei den Lehrlingen gehört seine Technik zur Abschlussprüfung. Helmuth Dallmer hat den Hufschuh erfunden.

Wenn der Senior mit den wachen Augen morgens um halb zehn die Klinke zu seiner Werkstatttür hinunterdrückt, geht er an einer kurzen Stange vorbei. Sie hängt von der Decke hinunter – und bis vor zehn Jahren hat der gelernte Graveur hier gerne mal drei Klimmzüge gemacht.

Denn bei seinem Vater hat der Junge im Sauerland nicht nur eine Lehre gemacht, sondern sich auch im Sport gestählt: Jeden Tag vor dem Mittagessen hieß es für den Burschen, sich an der Stange hochzuziehen – zwölf Mal waren irgendwann ein Klacks für ihn.

Noch heute hält sich der alte Herr so sportlich, wie es irgend geht: Jeden Tag fährt er einen Kilometer auf dem Trimmrad im Spitzboden, spielt gerne Golf auf dem eigenen Grün im Garten, und hätte er einen Tennispartner, würde er auch noch den Schläger auf dem Platz hinter dem Haus schwingen (Interesse? Tel.: 0 41 72/5100). Und zehnmal pro Tag steht Helmuth Dallmer von seinem Schreibtischstuhl auf, ohne sich dabei mit den Händen abzustützen – Oberschenkeltraining.

Gelernt hat Dallmer den Beruf des Graveurs, doch eigentlich ist der Mann ein Multitalent. Nach dem Zweiten Weltkrieg aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt, hat Dallmer als junger Bursche, Ringe aus Reichsmark-Fünfern geprägt – die bestanden aus reinem Silber. Er hat Kerzenhalter für Weihnachtsbäume hergestellt, die sich per Feder aufrichten, hat Beläge für Tennisplätze produziert und die elektrische Heizplatte mit stufenloser Regelung für Bügeleisen erfunden – 18 Jahre lief sein Patent, dann durften es die Großen nachmachen. Und Dallmer war der Erste, der dem Geruchsverschluss unter dem Waschbecken das Blei entzog, das Teil aus Kunststoff baute.

Aufgewachsen im Sauerland, hat sich der findige Fabrikant in den 70er-Jahren entschieden, ins pferdereiche Niedersachsen zu ziehen. Dort wähnte er seine zukünftigen Kunden: Reiter. Seine hellen Augen leuchten wach, wenn er die Vorteile seiner damals neuesten Erfindung erklärt: „Die acht Nägel im Huf sind ein dauernder Fremdkörper. Wenn sie nicht perfekt sitzen, mindern sie die Leistung des Pferdes.“

Sein eigenes Pferd hatte die Hufrehe, eine Entzündung, konnte kaum noch laufen. Da zog Helmuth Dallmer dem Tier kurzerhand die Nägel raus. „Acht Nägel sind acht Entzündungsherde“, befand er, und baute seinem Pferd stattdessen vier Slipper. Die pappte er mit dem Fingernagelkleber seiner Frau so fest an die Hufe, dass das Tier wieder geschützt laufen konnte. Die Schuhe hielten.

Auf die Kunststoffform können Schmiede das Hufeisen schrauben, ohne Nägel in die Hufe zu schlagen. Perfekt, findet Dallmer. Doch was für den talentierten Erfinder 1974 eine revolutionäre Idee mit lauter Vorteilen war, nahm die Branche als Affront: Da brach jemand mit einer 2000 Jahre alten Tradition.

Heute aber lernen Hufschmiede das Kleben in der Ausbildung, die Firma produziert im Ruhrgebiet – dort liegt der Hauptsitz mit dem Schwerpunkt Sanitärprodukte – und verschickt von Putensen aus Zehntausende Pferdeschuhe jährlich in die ganze Welt: per Direktvertrieb oder über Händler in ganz Europa.

Die Vielseitigkeitsreiterin Alexandra Werner aus Salzhausen kommt alle vier bis sechs Wochen mit ihrer Trakehner-Stute Kaitika M nach Putensen. Vor zwei Jahren ist sie auf die „Puschen“ umgestiegen und damit vollauf zufrieden. „Kaitika läuft lockerer mit dem Schuh als mit Beschlag“, sagt die 22-Jährige.

Und Helmuth Dallmer kann in diesem Jahr nicht nur zufrieden sein, dass er seiner Überzeugung treu geblieben und gegen alle Widerstände angekämpft hat. Und neben seinem Geburtstag feiert er auch das 100-jährige Bestehen der Firma Dallmer, die sein Vater als kleine Werkstatt im Ruhrgebiet gegründet hat.