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Flugshow auf dem Fahrrad

jae Lüneburg. Mit großen Augen und offenem Mund steht der Junge im Skatepark an den Sülzwiesen. Seine Faszination ist ihm anzusehen, seine Begeis“terung nicht zu überhören. „Wie machst Du das?“ fragt er immer wieder, während David Hoffmann auf seinem BMX-Rad einen Trick nach dem anderen macht. Ein schrilles Quietschen ertönt, es ist das Geräusch der Bremse, die Chris“tian Lutz kurz zum Stehen bringt, bevor er sich erneut in die Mini-Rampe stürzt, um Sekunden später abzuheben und sein Rad herumzuwirbeln.

Was für andere ein einfaches Fortbewegungsmittel sein mag, ist für Christian Lutz und David Hoffmann Werkzeug — und ihre Leidenschaft. Seit mehr als zehn Jahren können sich die beiden Lüneburger ein Leben ohne Räder nicht mehr vorstellen. „Mein Bruder hatte damals auch ein BMX, das hat mich fasziniert — ich habe später zu Weihnachten mein erstes Rad gekriegt. Dann ging es los“, sagt Lutz. Und wie es losging: Heute gehören er und Hoffmann zu den besten 25 BMX-Fahrern der Welt, wie sie unlängst bei der BMX-Weltmeisterschaft in Köln bewiesen.

Dort treten an drei Tagen im Jahr die Besten der Besten in die Pedale. Wer zu den Profis gehört, ist gesetzt, alle anderen können sich in Vorab-Wettbewerben die Teilnahme erkämpfen. Ist der Startschuss gefallen, gilt: Je spektakulärer, desto besser. Bewertet werden die Schwierigkeitsgrade der Tricks, deren Ausführung, die Kreativität der Fahrer und „leider auch deren Namen“, sagt David Hoffmann. Angetreten in der Disziplin „Flatland“, bei der akrobatische Tricks mit dem BMX auf dem Boden gefahren werden, sicherte er sich den 25. Platz. „2012 wurde ich 13.“, ergänzt er stolz. Auch Lutz ließ die meisten seiner Mitstreiter hinter sich, landete mit seinen Tricks auf der Rampe am Ende auf dem 21. von 84 Plätzen.

Gemeinsam mit seinen großen Vorbildern zu fahren, war für ihn lange ein Jugendtraum: „Es hat sich über die Jahre ganz witzig entwickelt. Auf Wettbewerben läuft es nicht so ab, dass man gegeneinander fährt, sondern man hat einfach zusammen Spaß und fährt miteinander. Ich möchte einfach nur noch Spaß am Radfahren haben und das Leben genießen.“

Dabei war für den 23-Jährigen lange unklar, ob er überhaupt nochmal Spaß am Fahren haben würde. Ein Bruch des Kahnbeins in seiner Hand blieb von den Ärzten zunächst unentdeckt, von allein wuchs der Knochen nicht mehr zusammen. Lutz entschied sich für eine Operation, bei der ihm ein Knochenstück aus dem Becken entnommen und in die Hand eingesetzt wurde. Heute ist alles verheilt, „Glück im Unglück“ sagt er.

„Darf ich Dein Rad auch mal fahren?“, fragt der Junge. Es ist nicht das erste Mal an diesem Tag, dass Christian Lutz diese Frage verneinen muss. Schließlich sind die BMX-Räder der Profis bis zu 2000 Euro wert.

Sein erstes Rad hat David Hoffmann sich damals noch im Neckermann-Katalog bestellt. „Ein richtig Gutes“, sagt er mit ironischem Unterton und muss lachen. Schnell habe sich das Rad verbogen, und die anderen BMX’er des Skateparks mussten mit Ersatzteilen aushelfen. Die Freunde, die er dabei kennengelernt habe, seien es, die ihn am BMX-Fahren halten. Damals seien es mehr gewesen, die mit Rädern und Skateboards zum Park gekommen sind, heute fände man hier nur noch die „Eingefleischten“.

Warum er selbst längst zu den Eingefleischten gehört, ist klar: „BMX ist einfach geil, wenn man sich die Zeit vertreiben will, dann steigt man aufs Rad und schwupps sind zwei, drei Stunden um und man weiß, man hat was Sinnvolles getan. Man bleibt fit und kann es immer machen.“

Und das auch zur Freude anderer, denn die Akrobatik mit dem Rad ist im wahren Sinne des Wortes salonfähig geworden und lässt David Hoffmann das eine oder andere Mal zum Stuntman werden, etwa in Varieté-Shows. Ihre eigentliche Bühne bleibt aber die Straße: „Man geht nicht durch die Straße und denkt, da könnte ich mich hinsetzen, sondern da könnte ich einen Trick machen. Es ist quasi wie ein riesengroßer Spielplatz“, sagt Christian Lutz.