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Getümmel im Pulverdampf

kre Nahrendorf. Unteroffizier Seurtier und seinen französischen Kameraden steht ein schwerer Gang bevor: Ein letztes Mal überprüfen die Männer am Sonnabend Waffen und Ausrüstung. Gleich geht’s ab im Gleichschritt auf’s Schlachtfeld. Da warten schon die Feinde. Kanonen donnern, Vorderlader knallen. Pulverdampf hüllt die Kämpfenden ein. Doch keiner wird verletzt, niemand getötet. Denn der Tag, an dem auf den Steinker Höhen tatsächlich rund 1000 Soldaten qualvoll im Kampf fielen, getroffen von Bleikugeln, zerfetzt von Schrapnells, gestorben an Blutvergiftung, Wundbrand und Entkräftung, liegt 200 Jahre zurück. Jetzt wird das blutige Gemetzel von einst als buntes Spektakel gefeiert. Als Göhrdefestspiele. Die lockten am Wochenende rund 3000 Besucher an die Originalschauplätze.

Am 16. September 1813 wurden die Streitkräfte Napoleons blutig geschlagen. Allerdings waren die Franzosen letztlich wohl ohne Chance, denn ihren 3000 Mann stand eine alliierte Übermacht von mehr als 12 300 Soldaten gegenüber. Preußen und Mecklenburger, Hanseaten und Hannoveraner, Russen, Schweden und Engländer kämpften und siegten gegen die ebenso bunt zusammengewürfelten französischen Truppen.

So viele Kämpfer sind es am Wochenende natürlich nicht, die sich in originalgetreuen Uniformen gegenüberstehen. Rund 400 Freizeit-Soldaten haben mit sechs Kanonen und 280 Vorderlader-Gewehren Stellung bezogen: „Reenactment“ nennt sich diese möglichst historisch korrekte Gefechtsdarstellung auf Original-Schlachtfeldern. Dazu gehört nicht nur das Abfeuern der Waffen, sondern auch das Leben im Felde wie vor 200 Jahren. Mit allem, was dazu gehört. Angefangen von der Zeltunterkunft bis zum Kochgeschirr. Die gesamte Ausrüstung muss bis ins Detail stimmen – von den genagelten Stiefeln bis zum Rosshaarkamm auf dem Helm und zur Steinschloss-Muskete. Da kann der Wert einer Ausrüstung schnell bei 5000 Euro und mehr liegen.

„Das hat nichts mit Militarismus zu tun. Wir wollen in Erinnerung halten, wie das damals war“, erläutert Nanny Sauer, die eigens aus Wuppertal angereist ist, um als „Piper“ in englischer Uniform gegen Napoleons Soldaten ins Feld zu ziehen. Im wahren Leben ist die 42-Jährige Bibliothekarin – und bei weitem nicht die einzige Frau, die mitmacht.

Neben ihr kocht Heike Schmidt aus Regensburg unter freiem Himmel über einem offenen Feuer leckeres Gulasch. „Es ist die Gemeinschaft, die diese Treffen so einzigartig machen“, sagt die Rechtsfachwirtin.

In der Tat kennen sich die meisten Teilnehmer schon seit Jahren. Ob sie nun in der Uniform der Napoleonischen Truppen antreten, als Hannoveraner oder als Soldaten des Braunschweigischen Leibbataillons.

Immo Tzsheetzsh steht in der Uniform eines preußischen Armeearztes vor seinem Feldlazarett und erklärt neugierigen Besuchern die Instrumente, die vor ihm ausgebreitet liegen. Eine Säge zur Amputation von Gliedmaßen, Pinzetten, Schaber und diverse Fläschen. Der Sanitätsdienst und die Feldlazarette steckten damals noch in den Kinderschuhen. Entsprechend hoch war auch die Todesrate: 85 Prozent überlebten ihre Verletzungen nicht, weiß Tzsheetzsh, der im wahren Leben Hausmeister in Leipzig ist und durch seine Freundin zu den „Reenactment“-Gruppen kam.

Die Schlacht ist geschlagen, die Besucher haben ihre Fotos geschossen – die Hobby-Soldaten kehren gesund und munter zurück ins Zeltlager. Vor 200 Jahren waren dieses Glück vielen Soldaten nicht vergönnt. Sie blieben gefallen auf dem Schlachtfeld zurück. Mit einer Kranzniederlegung am Denkmal wurde ihrer gedacht . . .