Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Vom Baum in die Flasche

off Bleckede. Ein Morgen, Ende September, auf dem Hof der Bleckeder Saftmosterei. Klaus Günther lehnt an der Holzwand des Apfellagers und lässt sich die Herbstsonne ins Gesicht scheinen, Fließband und Maschinen stehen still, es ist ruhig um ihn herum. Zu ruhig. „Eigentlich kann ich mich zu dieser Jahreszeit vor Arbeit kaum retten“, sagt er. Doch das Apfeljahr war schlecht. Das spürt auch die Lohnmosterei. An den Annahmestellen, vor denen die Lieferanten mit ihren Autos normalerweise Schlange stehen, stapeln sich lediglich Kisten mit leeren Flaschen. Doch dann rollt ein violetter Ford mit Anhänger auf den Hof, Rudi und Erwin Wolter – Stammkunden seit vielen Jahrzehnten.

Die 71 und 67 Jahre alten Brüder aus Hohnstorf/Elbe parken ihr Gespann direkt vor der Waage, öffnen die Anhängerklappe und hieven ihre Jutesäcke voller Äpfel auf den Metallsockel. Auf der Digitalanzeige erscheint die Ausbeute: knapp 77 Kilogramm. „Gesammelt haben wir die alle in unserem Hausgarten“, erzählt Erwin Wolter. Wie mehr als 90 Prozent von Günthers Kunden. Der Deal in der Lohnmosterei: Günther bekommt die Äpfel zum Mosten, seine Kunden den Saft zu vergünstigten Preisen. Mit sechs Kisten fahren Rudi und Erwin Wolter nach einer halben Stunde wieder vom Hof. Auch das hat für sie Tradition. „Wenn wir Apfelsaft trinken, dann den von Günther.“

In Rekordjahren produzieren die Bleckeder in ihrer Mosterei bis zu 600 000 Liter Apfelsaft. „In schlechten Jahren wie diesem werden wir weit darunter liegen“, sagt Günther. Grund für die geringen Erträge: „Während der Blütezeit war es zu feucht und zu kalt, ein Teil der Blüten wurde gar nicht bestäubt.“ Dann kam der extrem trockene Sommer, „und machte den Früchten so zu schaffen, dass viele schon vorzeitig runter gefallen sind“, sagt Günther. Mit den Folgen muss er nun umgehen – und aus dem schlechten Apfeljahr das bestmögliche Saftjahr machen.

Die Ernte der Brüder aus Hohnstorf ist mittlerweile über ein Fließband ins Lager befördert worden, noch auf dem Band hat Günther kontrolliert, ob faule oder unreife Äpfel dabei sind. „Sind zu viele schlechte Äpfel in einer Lieferung, kann mir das den ganzen Tagesschnitt versauen.“ Doch Rudi und Erwin Wolter sind Sammler-Profis, an ihrer Apfellieferung gibt es nichts zu meckern. Die gesamte Ausbeute landet bei den anderen Früchten im Lager – und Klaus Günther entscheidet, die Produktion anzuschmeißen.

Mit einem leisen Klicken legt der Mosterei-Chef in der Produktionshalle einen Schalter um, daraufhin setzt Maschinendröhnen ein und Wasser strömt in das Apfellager. „Jetzt werden die Äpfel gewaschen und mithilfe des Wassers in die Halle transportiert“, erklärt der Bleckeder. Dort befördert eine Schnecke die Früchte in die Mühle, die sie zu Maische zerkleinert. Durch Schläuche werden Obststückchen und Most dann weiter in die Bandpresse gepumpt – das Herzstück der Mosterei. Die Maschine trennt den Saft vom Rest des Apfels, „dabei liegt die Ausbeute bei 70 bis 75 Prozent“, sagt Günther. Rund 40 Flaschen Most holt er aus einem Zentner Äpfeln. Ein reines Naturprodukt, das je nach Apfelsorten, Reifezeitpunkt und Zuckergehalt mal süßer, mal saurer schmeckt.

Das, was vom Apfel übrig bleibt, landet in einem großen Metallbehälter – und heißt in der Fachsprache Apfeltrester. Weiter verarbeitet wird er in Bleckede nicht, „den holen sich entweder Jäger oder Bauern ab, um ihn ans Wild oder an Rinder zu verfüttern.“ Ein Leckerbissen vor allem nach einigen Tagen, „denn dann beginnt der Trester zu gären und schmeckt den Kühen offenbar besonders gut“, erklärt Günther.

Der noch trübe Saft läuft derweil durch Schläuche in den „Separator“, eine Maschine, die wie eine Wäscheschleuder funktioniert. Hier entscheidet sich auch, ob der Apfelsaft klar oder naturtrüb in die Flaschen kommt. Der Aufwand ist gleich. „Beim klaren Saft müssen wir ihn filtern, beim naturtrüben ein weiteres Mal in die Zentrifuge geben, um die groben Schwebstoffe herauszuschleudern“, sagt Günther. Danach wird der Saft zur Haltbarmachung im Pasteur noch einmal erhitzt, dann in Flaschen abgefüllt – als Natur pur.

An der Annahmestelle der Mosterei hat inzwischen ein zweiter Kunde Äpfel geliefert. Als Klaus Günther aus der Halle tritt, fährt der dritte vor. Langsam kommt die Saison auf Touren. Und der Herbst wird für den 50-jährigen Mosterei-chef doch noch zum Apfelherbst, der Zeit des Jahres, in der es auf dem Hof vieles gibt – nur keine Ruhe.