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Eine beklemmende Übung

ca Embsen. Das Schlimmste ist die Zeit. Jede Minute, die vergeht, kann weitere Tote bedeuten. Du hörst Schreie, Schüsse, bist hilflos. Zehn Minuten, bis Verstärkung aus Lüneburg da ist, weitere Minuten, bis ein erstes Team in das Schulzentrum geht, um nach dem Mann zu suchen, der sich in seinem Wahn entschlossen hat, möglichst viele Menschen umzubringen. Es war nur eine Übung, die da am Wochenende im Schulzentrum Embsen lief – gemeinsam von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Doch so realistisch, dass man als Beobachter mit einem beklemmenden Gefühl daneben saß.

Lüneburgs Polizeichef Hans-Jürgen Felgentreu sagte: „Wir können so eine Lage nur mit Anstand verlieren.“ Alle Vorbereitungen in Schulen, alle Trainings für den Ernstfall seien gut und richtig, doch verhindern könnten sie einen Amoklauf nicht. Beispiele gibt es einige wie die Mordserie in Erfurt im April 2002, bei der ein 19-Jähriger zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten erschoss und sich dann selbst tötete. Beim Drama von Winnenden ermordete ein 17-Jähriger 2009 15 Menschen, und auch die 77 Morde von Anders Breivik im norwegischen Oslo vor gut zwei Jahren zählen dazu.

Wie oft bei solchen Fällen wissen auch die beiden Streifenbeamten zunächst nicht, was sie erwartet. Es ist ein alltäglicher Einsatzbefehl, den das Duo erhält: „Verkehrsunfallflucht am Schulzentrum.“ In einem zerbeulten Opel finden die Polizisten einen angeschossenen Fahrer. Sie rufen Krankenwagen und Verstärkung, langsam stellen sie einen Zusammenhang mit der Schule her. Im Beobachtungsraum, in den die Polizei Bilder für Kollegen, Verwaltung und Journalisten überträgt, sagt Polizeichef Felgentreu: „Jetzt sind zehn Minuten vergangen.“ Die Zeit tropft, und du hörst Schreie und Schüsse und weißt, dass ein Wahnsinniger immer weiter macht.

Verstärkung ist da, vier Beamte rücken als Team vor. Mit gezogenen Waffen tasten sie vor, sichern sich gegenseitig, einer hat immer die Rückseite im Blick. Raum für Raum gehen sie vor, vorbei an Toten und Verletzten. Weitere Polizeiteams schützen im Nachgang Sanitäter und Ärzte, die sich um die Verwundeten kümmern. Immer in der Gefahr, dass der Amokschütze plötzlich doch noch aus irgendeinem Winkel auftauchen könnte. Endlich findet das sogenannte Kontaktteam, die Zugriffseinheit, den Täter und macht ihn kampfunfähig. Aber ist der Mörder alleine gewesen, hatte er Komplizen? Polizisten durchkämmen das Gebäude. Plötzlich rennt ein Jugendlicher auf ein Team zu – glücklicherweise erkennen die Beamten rechtzeitig, dass es ein unter Schock stehender Schüler ist.

Als Journalisten später Fotos vom Einsatzteam machen können, knistert die Anspannung der Männer förmlich. „Realistisch“, sagt einer, schweißüberströmt. Der Stress sei ungeheuer. Unter Schutzweste und einer Haube sei es heiß, das Atmen falle schwer, trotzdem: „Ich bin dankbar, dass ich das mitmachen darf.“

Felgentreu sagt, auch die Lüneburger Polizeiführung habe so ein Training absolviert: „Nach fünf Minuten realisieren Sie nicht mehr, dass es eine Übung ist, nach zehn Minuten sind Sie nassgeschwitzt, nach zwanzig Minuten körperlich und mental am Ende.“ In der Polizeiinspektion, also in den Kreisen Lüneburg. Uelzen und Lüchow-Dannenberg, durchlaufen Beamte ein Systemisches Einsatz-Training (SET), das sie auf Bedrohungslagen vorbereitet, von Amok spricht die Polizei nicht gerne. Sie trainieren, wie sie bei solchen Situationen vorgehen sollen, die scheinbar aus dem Nichts entstehen.

Zum ersten Mal haben in der Region Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst zusammen geübt, auch Lehrer haben sich beteiligt, alles in allem rund 160 Teilnehmer, dazu haben Freiwillige Verletzte gespielt. Ein halbes Dutzend Beamte um Polizeidirektor Roland Brauer und seinem Kollegen Hans-Jürgen Nischk haben das Szenario vorbereitet.

Ist es gut ausgegangen, war alles professionell? Wie soll man da Bilanz ziehen? Als Beobachter bist du glücklich, kein Polizist zu sein. Du musst nicht mit der Frage leben, ob du vielleicht mehr Leben hättest retten können. Gott sei Dank war es nur eine Übung.

4 Kommentare

  1. Beklemmend schon, aber doch absolut notwendig. Auch wenn auf so einer Übung alles nur angespielt wird und es viele ‚Übungskünstlichkeiten‘ geben muss, bieten nur solche Veranstaltungen die Erkenntnis, in welcher Richtung weitere bzw. bessere Vorbereitungen getroffen werden sollten und müssen.

  2. Ich hoffe, dass bei solchen Übungen auch im Anschluss das PSNV-Team (Psychosoziale Notfallversorgung) vor Ort ist, denn wie im Bericht beschrieben, vergißt man nach 10 Minuten, dass es nur eine Übung ist und auch die Seelsorger müssen geschult werden. Nicht zu vergessen, die Polizei- und Rettungskräfte sollten lernen, sich anschließend in ein Gespräch zu begeben.
    Übungen sind wichtig, notwendig und absolut sinnvoll!

    • Keine Sorge. Wurde uns Allen angeboten, aber zumindest unter uns Mimen gab es keine psychischen Opfern und wir sind alle wohlbehalten nach Hause gekommen.