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Einheit im Fluss

Seit 23 Jahren sind Ost- und Westdeutschland offiziell wieder vereint. Seit 23 Jahren und sechs Monaten arbeitet Henry Kruse als Fährmann auf der „Tanja“. Als er 1990 anfing, dachte er noch, eine Elbbrücke wird die Darchauer Fähre spätestens zur Jahrtausendwende ersetzen – und seinen Job überflüssig machen. Jetzt wird Kruse als Fährmann der „Tanja“ in den Ruhestand gehen. Und noch immer liegt der Baustart für eine Brücke in weiter Ferne.

off Neu Darchau. Der Himmel liegt schwarz über der Elbe. Nebel wabert über dem Fluss und dämpft das Licht der Fähre, die am Westufer zur ersten Tour des Tages aufbricht. Henry Kruse sitzt mit hochgeschlagenem Jackenkragen in dem winzigen Personalraum der „Tanja“ und wartet, dass die Heizung warm wird. Der Fährmann ist müde. Seit ein paar Jahren fällt es ihm schwer, sich morgens um kurz nach drei aus dem Bett zu hieven. Fünf Tage Frühschicht, fünf Tage Spätschicht, fünf Tage frei. Das ist der Rhythmus, der seit mehr als 23 Jahren sein Leben bestimmt. „Jetzt habe ich nur noch vier Monate“, sagt er. Anfang des Jahres wird Henry Kruse in Rente gehen. Als Fährmann der ersten Stunde.

Kruses Platz auf der „Tanja“ ist vom ersten Tag an die Ladefläche, sein Job: Einweisen, Kassieren, Kontrollieren. Als Schiffsführer konnte der gelernte Schlosser nie arbeiten, weil er als junger Mann bei einem Arbeitsunfall sein rechtes Auge verlor, mit dem Handicap keinen Fährführerschein machen durfte. Statt in der Fahrerkabine schiebt er seinen Dienst also seit dreiundzwanzigeinhalb Jahren mitten im Fährgeschehen. Längst genügt dem 62-Jährigen ein kurzer Blick in die Gesichter seiner Kunden, um zu wissen, wer zahlen muss, wer eine Monats- oder Firmenkarte hat. „Die meisten hier kenne ich“ sagt er. Egal, ob morgens oder abends.

Zurück auf der „Tanja“. Die ersten zwei Fahrstunden liegen hinter Kruse, es ist kurz vor halb sieben und im Osten kündigt ein hellblauer Himmelsstreifen vom anbrechenden Morgen. Die Fähre ist auf dem Weg an das Darchauer Ufer, dort warten bereits mehr als ein Dutzend Autos. Kruse sitzt auf seinem Hocker im Personalraum und schiebt sich mit der rechten Hand hastig ein Stück Brötchen in den Mund. Stressessen wie bei fast jeder Frühschicht. Drei Minuten braucht die Fähre im Schnitt von einem Ufer zum anderen, mindestens eine Minute braucht Kruse zum Abkassieren, bleiben maximal zwei Minuten zum Essen. Als die Klappe am Anleger einrastet, steht der Fährmann wieder auf der Ladefläche. Dass er das tatsächlich bis zur Rente tun wird, hat im Frühjahr 1990 niemand geglaubt. „Damals hat der Darchauer Bürgermeister Habenicht noch gesagt: Stellt euch drauf ein, dass das ein Job für maximal zehn Jahre ist, dann steht hier eine Brücke.“

Henry Kruse lebt auf der Ostseite des Flusses, rund drei Kilometer vom Darchauer Fähranleger entfernt in Haar. Dort hat er bis zur Wende als Hausmeister bei den DDR-Grenztruppen gearbeitet, dann mit fast 40 Jahren auf der „Tanja“ angefangen. „Bei der ersten Fahrt Ostern 1990 hatten wir noch eine andere Fähre“, erzählt er, „eine viel kleinere Tanja.“ Vergessen wird er diese Fahrt trotzdem nicht. „Alle haben sich so gefreut, die Fähre war voller Menschen, alle wollten auf die andere Seite der Elbe.“ Doch die Euphorie von einst ist lange verflogen, die versprochene Brücke noch immer nicht gebaut. Und obwohl mit einer festen Elbquerung auch sein Arbeitsplatz verschwunden wäre, hat Kruse nie aufgehört auf sie zu hoffen. Weil er an die jungen Leute zu Hause denkt. Und weil er jeden Tag selbst erlebt, wie weit die Wege ans andere Ufer sind, wenn die Fähren nicht fahren.

Hat Henry Kruse Frühschicht, beginnt sein Dienst um spätestens halb fünf in Neu Darchau – viereinhalb Kilometer entfernt. Da die Fähre aber noch am Anlieger liegt, sein Kollege die „Tanja“ nicht allein fahren darf, muss der 62-Jährige fast eine Stunde und 66 Kilometer über die Dömitzer Elbbrücke zur Arbeit fahren. Dieselbe Tour wartet auf ihn nach der Spätschicht um 21 Uhr, „denn dann bleibt die Fähre über Nacht in Neu Darchau.“

Und trotzdem: Henry Kruse liebt seinen Job auf dem Fluss, liebt den Seeadler, den Biber – und Morgen wie diesen, die ihn die Müdigkeit schnell vergessen lassen. Um kurz vor sieben strahlt der Himmel in zartem türkis, der Horizont leuchtet orange-rot und ein Schwarm Wildgänse zieht schreiend vorbei. Henry Kruse lächelt. Ein Fährmann-Moment, der glücklich macht – heute noch genauso wie vor dreiundzwanzigeinhalb Jahren.