Donnerstag , 29. September 2016
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Hart an der Grenze

org Bitter. Drei Häuser und eine Kastanie: Das war Bitterwerder. Heute wachsen Wiesen, wo einmal ein Weiler war. Und eine rote Skulptur ragt in den Himmel, rot wie Ziegel. Wer nicht weiß, wofür der „Phönix“ von Bildhauer Klaus Großkopf in Bitter an der Elbe steht, wird sich bei seinem Anblick bloß wundern. Jeder andere wird nachdenklich.

Am 26. Mai 1952 tritt das „Gesetz über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie“ in Kraft. Die DDR-Behörden richten eine Sperrzone ein. Bis in die achtziger Jahre werden die Grenzsicherungsanlagen ausgebaut, mit Zäunen, Gräben und Toren, mit Wachtürmen, Beobachtungsbunkern und Minengürteln, mit Hundepatrouillen, Lichttrassen und Selbstschussanlagen. Fünf Kilometer breit ist die Sperrzone, 500 Meter der sogenannte Schutzstreifen.

Noch 1952 beginnen die Behörden mit der „Aktion Ungeziefer“, 1961 folgt die „Aktion Kornblume“. In 13 Orten entlang der Grenze müssen die Bewohner ihre Häuser verlassen, weil sie am falschen Fleck liegen – innerhalb der Sperrzone. Einige fliehen in den Westen, anderen werden neue Wohnorte zugewiesen. Ihre Gehöfte werden abgerissen.

Wie Bitterwerder. Und Bitter nicht. Seit gut 200 Jahren liegt dort auch der Hof der Familie Haul, direkt hinterm Elbdeich, an Kilometer 524.

Geboren 1957, ist Fred-Erhard Haul so nah an der Grenze aufgewachsen wie die wenigsten. Heute ist er 56 Jahre alt und hat schon so viele Veränderungen um sich herum erlebt wie andere nicht am Ende ihres Lebens: geboren und aufgewachsen in der DDR, dann ein paar Jahre BRD als Mecklenburger und seit 20 Jahren Niedersachse.

Wer sich für die Geschichte interessiert, den führt der KfZ-Meister ganz hinten in seinen Garten. „Hier war die Welt zu Ende“, sagt er dann und zeigt auf den Deich, der seinen Hof seit zehn Jahren vor jedem Hochwasser der Elbe beschützt. „Heute sind wir hier mitten in Europa. Und der Elberadweg ist der beliebteste Fernradweg Deutschlands.“

Dort, wo die alten Apfelbäume seiner Vorfahren stehen, hatte Familie Haul einst auch eine Räucherkate. „Die haben sie uns abgerissen“, erzählt Fred-Erhard. Warum der übrige Teil des Hofes stehen bleiben durfte, weiß niemand. Ehefrau Elke hat in den Archiven geforscht, es nicht herausgefunden. Nur die Großmutter sagt, es sei um eine Stimme gegangen bei der Abstimmung. Wer für die Hauls und wer gegen sie gestimmt hat in dem Gremium, das wissen sie nicht. Und fragen auch nicht danach.

„Darüber wird im Dorf nicht gesprochen“, sagt Haul und erzählt lieber etwas Lustiges: „Bei unserem Nachbar steht Erichs letzte Lampe im Garten.“ Die Straßenlaterne gehörte zum Grenzstreifen, sie leuchtete Tag und Nacht. „Schön hell war das“, sagt Haul und grinst ein bisschen.

Auch darüber, dass er als Teenager niemals spontan eine potenzielle Freundin mit nach Hause bringen durfte, will er heute lächeln. Vier Wochen vorher mussten die Familien im Sperrgebiet Besuch anmelden. Wer keinen Pass in der Tasche hatte, wurde verhaftet. Um 22 Uhr mussten alle zu Hause sein.

Bei Hauls Vorfahren hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Perspektive verändert. Bis dahin ging die Richtung quasi täglich nach Hitzacker. Der Name Haul kommt vom Plattdeutschen „Hol över“, hol rüber, Fährmann. Selbst ihre Toten beerdigten die Hauls auf der anderen Seite des Flusses, weil die ihnen näher lag als das Hinterland. Doch als Fred-Erhards Großeltern Ende der 1940er-Jahre starben, durften sie nicht ins Familiengrab. Sie ließen sich in Eichensärgen bestatten, in der Hoffnung, eines Tages umgebettet zu werden.

Eine Hoffnung, die nie erfüllt wurde. Wenn Elke Haul (52) auf die Frage antwortet, was heute anders ist als damals, dann sagt die Lehrerin: „Was man nicht kennt, vermisst man nicht.“ Sie selbst haben von Westfernsehen auf DDR-Kanal umgeschaltet, wenn es an der Tür klingelte. „Wer kein Westfernsehen empfing, lebte tatsächlich im Tal der Ahnungslosen. Das hat aber nichts mit Naivität zu tun, sondern mit dem, was man wusste.“