Mittwoch , 28. September 2016
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Wie ein bunter Flicken-Teppich präsentiert sich die Lüneburger Region auf dem aktuellen Schuldner-Atlas. Dunkelrot sind die Gebiete mit dem prozentual höchsten Schuldner-Anteil - grün sind die Orte mit guter Bonität. Grafik: creditreform
Wie ein bunter Flicken-Teppich präsentiert sich die Lüneburger Region auf dem aktuellen Schuldner-Atlas. Dunkelrot sind die Gebiete mit dem prozentual höchsten Schuldner-Anteil - grün sind die Orte mit guter Bonität. Grafik: creditreform

Ein Leben auf Pump

kre Lüneburg/Uelzen. Die Wirtschaft brummt – und Deutschland lebt auf Pump: Zwei Tatsachen, die sich aus dem aktuellen Schuldneratlas der Creditreform Uelzen herauslesen lassen: 6,58 Millionen überschuldete Privatpersonen zählte die Wirtschaftsauskunfttei im Oktober. Trotz guter Konjunkturdaten, trotz eines soliden Arbeitsmarkts mit steigender Beschäftigung „hat sich diese Zahl im Vergleich zum Vorjahr nicht wesentlich verändert“, sagt Therese Meyer. Die Unternehmenssprecherin stellt fest: „In Deutschland stagniert die Überschuldung.“

Und das auf unterschiedlichem Niveau: Deutlich zu erkennen auf dem Schuldner-Atlas 2013, den die Creditreform auch für die Lüneburger Region erstellt hat. Die Karte sieht aus wie ein bunter Flickenteppich. Dunkelrot sind die Gebiete mit einem hohen Schuldneranteil – sattgrün die Gemeinden, in denen die Bürger über eine gute Bonität verfügen.

Im Landkreis Lüneburg trägt die Stadt Bleckede die rote Laterne – mit einem Schuldneranteil laut Creditrefom von aktuell 14,44 Prozent. Gefolgt von Artlenburg mit immerhin 13,64 Prozent. Nicht viel besser sieht es in Dahlenburg (13,32 Prozent) oder in Amelinghausen mit immerhin noch über zehn Prozent aus.

Dass aber auch die Hansestadt Lüneburg als roter Klecks aus den grünen Umlandgemeinden heraussticht, ist nach den Worten von Therese Meyer schnell erklärt: „Der Lüneburger Stadtteil Kaltenmoor ist schuldentechnisch gesehen ein Mega-Brennpunkt, der die Statistik verhagelt.“

Doch wann gilt man überhaupt als überschuldet? „In dem Augenblick, in dem ein Schuldner die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm weder Vermögen noch andere Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen“, erklärt Therese Meyer.

Viele Unternehmen machen es den Schuldnern freilich leicht, über ihre Verhältnisse zu leben: „Heute kaufen, morgen bezahlen…“ – es sind Lockangebote wie diese, denen viele nur schwer widerstehen können. „Das unangebrachte Konsumverhalten hat in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen“, beobachtet denn auch Therese Meyer und fügt hinzu: „Damit zeigt sich in Zeiten volkswirtschaftlicher Stabilität eine Kehrseite der Sicherheit – Verbraucher trauen sich die Finanzierung ihres Konsums eher zu.“

Es sind aber vor allem zwei Gruppen, die der Uelzener Expertin besonders Sorgen machen – die Zahl der jugendlichen Schuldner und die der über 70-Jährigen: Auch wenn – statistisch gesehen – die Zahl jugendlicher Schulder von 216 000 (2012) auf aktuell 213 000 zurückgegangen ist, fordert Therese Meyer schon in der Schule mehr Aufklärung und Sensibilität beim Thema Konsum auf Pump.

Und noch eine Gruppe – da ist sich Therese Meyer sicher – wird in Zukunft mehr als bisher Hilfe und Unterstützung brauchen: nämlich die der älteren Menschen. „Die Altersarmut ist da und sie wird noch weiter zunehmen“, prophezeit die Expertin. Die Jungen ziehen dorthin, wo es attraktive Arbeitsplätze und eine gute Infrastruktur gibt – „die Alten bleiben zurück“. Häufig auch mit ihren finanziellen Problemen. „Viele scheuen sich, beim Amt um Hilfe zu bitten, wenn etwa die Waschmaschine, der Herd oder der Kühlschrank den Geist aufgeben“, weiß Therese Meyer – lieber werde dann ein neue Maschine auf Pump gekauft. Auch wenn die Ratenzahlung die Rente auffresse und die Schulden den Senioren über den Kopf wüchsen. Und das passiert leider immer öfter. Die Namen von mehr als 110 000 über 70-jährigen überschuldeten Männern und Frauen stehen nämlich schon in den Akten der Creditreform.