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Für sie ist der Nachbarschaftsdienst Ehrensache: Ulrich Rieckmann (l.) und Herbert Meyn aus Lüdershausen begleiten Verstorbene auf ihrem letzten Weg. Foto: t&w
Für sie ist der Nachbarschaftsdienst Ehrensache: Ulrich Rieckmann (l.) und Herbert Meyn aus Lüdershausen begleiten Verstorbene auf ihrem letzten Weg. Foto: t&w

Gemeinschaft bis zum Schluss

Viele Menschen nehmen an diesem Sonntag Abschied. Abschied von ihren Toten. Es ist eine Zeit der Trauer, aber auch der Besinnung und der Erinnerung. Der Totensonntag bietet dafür Raum. Ebenso für Geschichten von Menschen, für die der Tod zum Alltag gehört: die Trägergemeinschaft in Lüdershausen und die Sterbeamme Heidi Lange aus Holzen.

emi Lüdershausen. Herbert Meyn und Ulrich Rieckmann gibt der ehrenamtliche Nachbarschaftsdienst das Gefühl, „einmal etwas Gutes zu tun“. Die Lüdershausener begleiten Mitbürger auf ihrem letzten Weg: Sie organisieren freiwillige Sargträger oder packen bei Beerdigungen selbst mit an – „bei uns lässt einer den anderen nicht im Regen stehen“. Doch der Dorfbrauch droht auszusterben: Erst im vergangenen Jahr hat sich die freiwillige Trägergemeinschaft Westergellersen aufgelöst, berichtet Georg-Wilhelm Bergmann: „Sehr viele Sargträger sind berufstätig und konnten sich nicht mehr für eine Beerdigung freinehmen. Außerdem gibt es keinen Nachwuchs.“ Neben Lüdershausen hat die Tradition in Betzendorf überlebt. Aber hier wie dort haben die Organisatoren Mühe, genügend Träger zu finden.

Mit nachdenklichen Mienen stehen Herbert Meyn und Ulrich Rieckmann an einem kalten Novembertag auf dem Lüdershausener Friedhof. „Traurig“ finden sie es, dass es nur noch wenig ehrenamtliche Träger gibt. „Es ist doch ein anderes Gefühl für die Angehörigen, wenn sie wissen, dass Leute aus dem Dorf den Verstorbenen tragen.“ Das sei doch persönlicher als wenn auch das von einem Bestattungsinstitut erledigt würde.

In dem 460-Seelenort Lüdershausen findet etwa einmal pro Jahr eine Beerdigung statt. Ruft das Bestattungsinstitut an, weiß Rieckmann, was zu tun ist. Seit zehn Jahren ist er dafür verantwortlich, sechs Träger für die Beerdigung zu organisieren – nicht immer einfach, denn die, die noch die Kraft haben, arbeiten tagsüber in der Regel.

Früher habe es diesen Nachbarschaftsdienst in allen Dörfern gegeben, glaubt Herbert Meyn. „Man war darauf angewiesen, weil es noch keine Beerdigungsinstitute gab.“

In Lüdershausen haben nur diejenigen Anspruch darauf, getragen zu werden, die Mitglied in der Trägergemeinschaft sind. Meyn erinnert sich: „1964 ist sogar einmal eine Person per Ratsbeschluss aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden, weil sie keine Bereitschaft zur Mitwirkung gezeigt hat.“

In Betzendorf ist man da nicht so streng, erzählt Andreas Jahnke. „Der Dienst gilt für alle, jeder kommt mal dran. Es ist doch schön, wenn die Familien im Trauerfall nicht alleine sind.“ Warum der Brauch andernorts verkümmert, kann Jahnke nur vermuten: „Die Dörfer sind sehr groß geworden und nicht mehr bäuerlich. Da fällt der Zusammenhalt weg – das merkt man ja auch bei den Vereinen.“

Dass die Tradition in Westergellersen aufgegeben wurde, hat neben organisatorischen aber auch persönliche Gründe: „Im letzten Jahr gab es hier ein paar sehr emotionale Beerdigungen“, erzählt Georg-Wilhelm Bergmann. „Das ist vielen zu nahe gegangen. Ich habe mir irgendwann gesagt: ,Das mache ich nicht mehr.‘ Gerade, wenn junge Menschen sterben, ist es schlimm.“

Auch Herbert Meyn aus Lüdershausen kommt bei der ein oder anderen Trauerfeier ins Grübeln: „Wenn man den Tod vor Augen hat, denkt man sich, man sollte das Leben genießen.“ Und das versucht Meyn – seinen Nachbarn etwas Gutes zu tun, gehört für ihn dazu.