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Das Haus brannte nieder. Die Anklage nahm die Besitzerin und ihren Freund als Brandstifter ins Visier - für den Vorwurf sieht sie aber keine ausreichenden Indizien mehr. Dafür geht sie von Versicherungsmissbrauch aus.  Foto: A/polizei
Das Haus brannte nieder. Die Anklage nahm die Besitzerin und ihren Freund als Brandstifter ins Visier - für den Vorwurf sieht sie aber keine ausreichenden Indizien mehr. Dafür geht sie von Versicherungsmissbrauch aus. Foto: A/polizei

Betrog Paar die Versicherung?

rast Lüneburg. Das Haus in Drage im Landkreis Harburg brannte am 16. April 2012 frühmorgens komplett nieder. War es Brandstiftung, ein defekter Kühlschrank oder gab es eine andere Ursache? Die Frage wird wohl nie geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft hatte die heute 28 Jahre alte Hausbesitzerin und ihren damaligen Lebensgefährten (29) wegen schwerer Brandstiftung und versuchten Versicherungsbetrugs angeklagt. Nach fast einem Jahr Verhandlung mit mehr als 40 Prozesstagen vor der 2. Großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg gab es jetzt die Plädoyers: der Vorwurf der Brandstiftung ist vom Tisch.

Die Staatsanwaltschaft sieht allerdings einen Versicherungsmissbrauch und fordert Freiheitsstrafen von jeweils drei Jahren und sechs Monaten, die die Angeklagten allerdings im offenen Vollzug absitzen sollen. Die gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin und der Versicherungsmakler hätten in ihrer Hausratsliste für die Versicherung etliche Gegenstände notiert, die bei dem Brand nicht vernichtet, sondern später im Haus der Eltern der Frau und im Auto des Angeklagten gefunden wurden.

Die beiden Verteidiger fordern – „im Zweifel für die Angeklagten“ – auch in diesem Punkt Freisprüche.

Das Paar hatte bereits kurz nach dem Brand vor der Polizei ausgesagt, dass es nachts von zwei Katzen, die plötzlich auf ihr Bett gesprungen seien, geweckt wurde. Da unten im Gebäude bereits alles voller Qualm war, hätten sie sich die Katzen geschnappt, seien aufs Dach gegangen und von dort hätten sie sich mit Sprüngen gerettet. Später gab das Paar gegenüber der Versicherung einen Schaden in Höhe von 250 000 Euro an, die Anklage ging davon aus, dass das Haus für 169 000 Euro gekauft wurde.

Für Philipp Gerigk, Verteidiger der Frau, die 2012 vier Monate lang in Untersuchungshaft saß, gibt es „keinen Nachweis für einen Brandbeschleuniger“. Auch ein Versicherungsmissbrauch sei nicht bewiesen, es sei noch nicht einmal klar, dass seine Mandantin gewusst habe, was auf der Liste stand: „Möglicherweise wurde die Hausratsliste gemeinsam erstellt, ich glaub’s aber nicht.“

Der Angeklagte verbrachte rund ein halbes Jahr in U-Haft, kam kurz vor Weihnachten 2012 frei. Sein Anwalt Hendrik Rommel konterte die Äußerung des Staatsanwalts, dass der nächtliche Notruf bei der Feuerwehr „auf schauspielerische Qualitäten schließen“ lasse: Der Mann habe sich in einer Ausnahmesituation befunden und daher „hysterisch“ geklungen. Die Gebäudeversicherung sollte das Haus auf Wunsch des Paares bereits im Dezember 2012 überprüfen, verschob von sich aus aber den Termin auf den 17. April 2013: „Es ist doch aberwitzig, dass das Haus just einen Tag zuvor angezündet worden sein soll.“

Die Frau war am 26. April noch einmal von der Polizei bis um 17.15 Uhr gehört worden, die Beamten hatten laut Rommel einen Besuch bei ihren Eltern für 19 Uhr angekündigt, wo sie später als vernichtet gemeldete Gegenstände fand. Eine telefonische Kontaktaufnahme mit ihrem Lebensgefährten habe es in der Zwischenzeit nicht gegeben. Den stoppte die Polizei aber um 18.30 Uhr, der Wagen war vollbepackt mit Kartons und Tüten – ebenfalls Gegenstände von der Liste: „Er hätte gar nicht die Zeit gehabt, das Auto zu beladen.“

Die Strafkammer spricht ihr Urteil am nächsten Montag, 2. Dezember.