Aktuell
Home | Lokales | Wer lästert, findet Anschluss
Gute Freunde sind wichtig. Bei einem Schulwechsel knüpfen Mädchen schneller Kontakt als Jungs, manchmal auch durch gemeinsames Lästern. Doch oft halten solche Freundschaften nicht lange.  Foto: A
Gute Freunde sind wichtig. Bei einem Schulwechsel knüpfen Mädchen schneller Kontakt als Jungs, manchmal auch durch gemeinsames Lästern. Doch oft halten solche Freundschaften nicht lange. Foto: A

Wer lästert, findet Anschluss

red Lüneburg. Über Klassenkameraden zu lästern, ist nicht die feine Art. Doch gemeinsam gemein sein könne helfen, neue Freunde zu finden. Gerade an einer neuen Schule. Das zumindest ist ein Ergebnis einer Studie, die Psychologen der Leuphana Universität Lüneburg zusammen mit Kollegen in den USA erstellt haben. Sie haben Freundschaftsbeziehungen im Jugendalter unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Mädchen schließen nach einem Schulwechsel leichter neue Freundschaften als Jungen.

Die Wissenschaftler haben den Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule untersucht. Mädchen hatten ihren Erfahrungen nach drei Monate nach dem Wechsel unter ihren Klassenkameraden im Schnitt zwei Freundinnen, Jungen nur einen Freund. Allerdings seien diese Freundschaften noch nicht besonders fest gewesen. Die Forscher sprechen daher von einem „Markt der Beziehungsmöglichkeiten“, den gerade die Mädchen bereitwillig austesteten.

An der Studie nahmen 380 Schülerinnen und Schüler aus Brandenburg teil. In diesem Bundesland wechseln Kinder erst nach der 6. Klasse auf die weiterführende Schule. Sie sind also bereits zwischen 12 und 14 Jahre alt. „In diesem Alter gewinnen Freunde und Vertraute noch einmal an Stellenwert“, weiß Prof. Dr. Maria von Salisch, die die Untersuchung geleitet hat. „Wir wollten die Dynamik entstehender Freundschaften in dieser wichtigen Zeit am Beginn des Jugendalters unter die Lupe nehmen.“

Zu Beginn und während der Studie mussten die Teilnehmer angeben, welche ihrer Klassenkameraden sie als Freundin oder Freund bezeichnen würden. Als echte Freundschaften wurden nur gegenseitige Nennungen gezählt, wenn also zum Beispiel Paul Jonas zu seinen Freunden zählt und Jonas Paul ebenfalls. So konnte das Forscherteam untersuchen, wie sich das Beziehungsgeflecht in der Klasse während des Schuljahrs entwickelte.

Bei einem Schulwechsel werden bestehende Freundschaften oft auseinandergerissen. „Dass alte Grundschulfreunde auf der weiterführenden Schule dieselbe Klasse besuchten, kam in unserer Stichprobe selten vor“, betont Maria von Salisch. Bei der Suche nach neuen Freunden seien Mädchen zu Beginn aktiver als Jungen: Bereits drei Monate nach dem Wechsel hatten sie im Schnitt zwei Freundinnen, ihre Klassenkameraden dagegen nur einen Freund.

Dieser Vorsprung war nicht von Dauer. Im Laufe des Schuljahres verloren die Schülerinnen durchschnittlich eine der beiden Freundinnen. Am Ende hatten sie – wie die Jungen – nur noch einen Freund. Projektmitarbeiterin Dr. Rimma Kanevski sagt: „Die Mädchen scheinen dabei auf Nummer sicher gehen zu wollen: Sie freunden sich anfangs mit vielen Klassenkameradinnen an, auch wenn sich später herausstellt, dass es für eine tiefere Freundschaft doch an einer gemeinsamen Basis fehlt.“

Die Wissenschaftler hatten die Jugendlichen auch befragt, wie sie mit Konflikten in der Freundschaft umgehen. Ergebnis: Wer einen Streit auch mal auf sich beruhen lässt, hat im Schnitt mehr Freunde als jemand, der jeden Konflikt zum Beziehungskrieg aufbläht. Unstimmigkeiten offen zu bereden, scheint dagegen kontraproduktiv zu sein. „Diese Strategie der Konfliktbewältigung setzt eine gewisse Vertrautheit zwischen den Freunden voraus“, sagt Maria von Salisch. „Diese Nähe muss sich erst entwickeln.“

Überrascht hat sie, dass der Studie zufolge „Lästermäuler“ am Ende des Schuljahres signifikant mehr Freunde hatten. „Lästereien und Intrigen sind eine häufige Strategie, um nach einem Streit den Gegner im Klassenverband in ein schlechtes Licht zu rücken“, erläutert die Entwicklungspsychologin. Sie vermutet: „Wer mit jemandem negative Ansichten über eine dritte Person austauscht, schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Lästern verbindet. Allerdings wahrscheinlich nur am Anfang einer Freundschaft.“ Zudem komme es wohl auch auf das Ausmaß der Lästereien an, meint sie. „Wer stets nach dem Motto ,Lästern, lügen, leiden lassen‘ verfährt, steht vermutlich irgendwann alleine da. Zumindest kommen wir zu dem Schluss, wenn wir uns die Schüler ansehen, die bis zum Ende des Schuljahres sämtliche Freundschaften verlieren.“

Die Studie ist Teil des Projekts „Peers in Netzwerken“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Europäischen Sozialfonds finanziell gefördert wird. Maria von Salisch untersucht darin mit Kollegen unter anderem, welchen Einfluss Ganztagsschulen auf die Freundschaften von Jugendlichen haben.