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Oliver Perau, Rainer Schuman und Graziano Zampolin (v.l.) begeistern die Bewohner des Seniorenpflegeheims Christinenhof mit Hits aus den 1950er-Jahren und flotten Sprüchen. Foto: t&w
Oliver Perau, Rainer Schuman und Graziano Zampolin (v.l.) begeistern die Bewohner des Seniorenpflegeheims Christinenhof mit Hits aus den 1950er-Jahren und flotten Sprüchen. Foto: t&w

Schlager als Gedächtnisstütze

mm Lüneburg. Es gibt Songs, die bleiben im Gedächtnis hängen. Auch bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Mit alten, nie vergessenen Gassenhauern wie „Pack die Badehose ein“ oder „Bel Ami“ begeisterten Rainer Schuman, Ex-Drummer der Band „Fury in the Slaughterhouse“, Demenzcoach Graziano Zampolin und ihre Band jetzt Bewohner des Seniorenpflegeheims Christinenhof.

„Unsere Bewohner mit demenzieller Erkrankung haben kein Gefühl mehr für Raum und Zeit“, verdeutlicht Heimleiterin Jennifer Philipp. Das Kurzzeitgedächtnis sei gestört. Doch die Lieder von früher sind noch in den Köpfen – und können Türöffner sein. Demenzkranke bekommen so Assoziationen, über die sie sich an Erlebtes erinnern und davon berichten. Nicht nur die Betroffenen erinnern sich, auch die pflegebedürftigen Bewohner des Heims.

Graziano Zampolin war bis vor kurzem Leiter eines Weiterbildungsinstituts für Gesundheitsfachberufe. Doch er wollte noch mehr: mit seinem Hobby, der Musik, Geld verdienen. Also erschuf er zusammen mit seinem Musikerfreund Rainer Schuman „Klang und Leben“, ein Projekt zur musikalischen und rythmischen Begleitung demenzkranker Menschen.

Seit August touren Gitarrist Zampolin und Drummer Rainer Schuman am Cajon mit Sänger Oliver Perau, Gründer der Band Terry Hoax, und Andreas Meyer am Klavier durch deutsche Pflegeheime. Prominente Unterstützung erhalten sie unter anderem von Schauspieler Jan-Josef Liefers und SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Klang und Leben soll in den Heimen „Initialzündung“ sein, verdeutlicht Zampolin. So auch im Christinenhof. „Bei uns ist es der Auftakt zu weiteren Veranstaltungen dieser Art“, erklärt Leiterin Jennifer Philipp.

Die Bewohner kamen, beseelt durch die Schlager von Zampolin und seiner Crew, in Feierlaune. Einige tanzten, andere schmetterten die Titel aus voller Kehle mit, wie Beate Herzer. Die 74-jährige Berlinerin lebt nach schwerer Krankheit seit 2010 im Christinenhof. Bei „Capri-Fischer“, einem Schlager aus den 1940er-Jahren von Rudi Schuricke, ist sie mit ganzer Stimme dabei. „Dazu haben wir früher schön geschummert“, erinnert sie sich.

Heimbewohner Horst Rudi Treuding ließ sich gar zum Mitmusizieren bewegen und gab mit seinem Akkordeon zu „Seemann, Deine Heimat ist das Meer“ einen zum Besten.

Bei der Veranstaltung produzierten Sophie Rosentreter, ehemalige Fernsehmoderatorin und jetzige Geschäftsführerin der Firma „Ilses weite Welt“, die Unterstützung für Demenzkranke und ihre Angehörigen gibt, und ihr Team einen Informationsfilm für die AOK zum Thema Demenz. Eine Krankheit, durch die Menschen häufig den Bezug zur Realität verlieren, aber wohl nicht zur Musik, die sie aus früheren Tagen kennen.