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Die Baustelle des Libeskind-Gebäudes auf dem Lüneburger Uni-Gelände. Foto: jj
Die Baustelle des Libeskind-Gebäudes auf dem Lüneburger Uni-Gelände. Foto: jj

Baustopp als Fallstudie

pm Hannover/Lüneburg. Mit steigenden Kosten weitermachen oder alle Baumaßnahmen sofort stoppen? Der niedersächsische Landesrechnungshof (LRH) hat für den umstrittenen Libeskind-Bau der Lüneburger Universität vom Wissenschaftsministerium in Hannover so eine Wirtschaftlichkeitsberechnung gefordert. Darin müsse abgewogen werden, ob ein Stopp des Projektes für Land und Steuerzahler letztlich nicht günstiger käme.

57 Millionen Euro waren ursprünglich für das futuristische Zentralgebäude nach Entwürfen des New Yorker Architekten Daniel Libeskind eingeplant. Davon sollten vom Land Niedersachsen 21 Millionen, von der EU 14 Millionen, von Stadt und Landkreis Lüneburg sieben Millionen kommen. Auf 78,2 Millionen Euro taxiert die von der Uni beauftragte Wirtschaftsprüfergesellschaft BRL inzwischen die Baukosten. Die Leuphana will die Mehrkosten nach eigenen Angaben ohne zusätzliche Belastung der öffentlichen Hand bewältigen, und zwar durch höhere Verkaufserlöse ihrer Liegenschaften, durch Vermietung von Veranstaltungsflächen, durch eigene Rücklagen und durch einen Vorsteuerabzug.

Doch der Rechnungshof hat offensichtlich erhebliche Zweifel an dem Finanzierungskonzept. Die Hildesheimer Prüfbehörde will angesichts weiterer befürchteter Preissteigerungen sogar die radikale Alternative durchgerechnet wissen: Abriss des bisherigen Baus, Kündigung sämtlicher Verträge und ein neues Audimax in der für andere Hochschulen üblichen Standardversion.

Adressat dieser Aufforderung ist das Ressort von Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne). Doch statt die Berechnung selbst zu erstellen oder von unabhängigen Experten ausführen zu lassen, hat das Ministerium die Leuphana selbst darum gebeten. Die Hochschule erklärt, dass man die gewünschte Wirtschaftlichkeitsbetrachtung vorgelegt habe. „Dabei handelt es sich um einen internen Verwaltungsvorgang. Zu Details nehmen wir daher keine Stellung“, sagt Leuphana-Sprecher Henning Zühlsdorff. Das Ministerium bestätigte den Eingang der Berechnung; diese müsse nun aber noch geprüft werden, erklärt ein Sprecher.

Der Rechnungshof kritisiert weitere Unklarheiten. „Es gibt eine ganze Reihe von offenen Punkten“, verdeutlicht LRH-Senatsmitglied Lutz Bardelle. Der von der Uni beantragte Nachtrag und der aktualisierte Finanzplan seien derzeit nicht prüffähig. „Es fehlen etliche Unterlagen.“ Auch die Oberfinanzdirektion (OFD), deren Bauexperten das Ministerium hinzugezogen hat, hegt dem Vernehmen nach Bedenken. So sollen Informationen über die Gründe der verzögerten Fertigstellung (August 2015) unvollständig sein. Und Rechnungsprüfer merken an: Es liege keine Berechnung über die künftigen Nutzungskosten etwa für Energie, Bauunterhaltung, Reinigung oder Reparaturen vor. Und es stehe das Gutachten zu den kalkulierten Verkaufserlösen für Uni-Liegenschaften aus.

Der letzte Punkt ist aus Sicht der Hochschule vollständig abgearbeitet. „Die Universität hat die Unterlagen dem Land am 3. Dezember übermittelt“, betont Sprecher Zühlsdorff. Mit dem Ministerium stehe man „in einem engen Austausch“. Auch die anderen Papiere seien zum Teil bereits geliefert, weitere würden in den nächsten Tagen folgen. Auch dies bestätigt der Sprecher in Hannover.

Nun stellt sich die Frage, ob ein neues Finanzierungsproblem auftaucht. Laut Landeshaushaltsordnung darf das Land bei der Berechnung von Zuwendungen Vorsteuerabzugsbeträge nicht berücksichtigen. Die Uni Lüneburg hatte dafür ursprünglich drei Millionen Euro in ihren Ansatz gebracht. Fraglich ist, ob das Ministerium diese bei der Ermittlung der 21 Millionen Euro Landesmittel entgegen der Ordnung einbezogen hat, nun vielleicht den Zuwendungsbescheid korrigieren muss.

7 Kommentare

  1. Offenbarungseid

    Welche Gremien und welche „Entscheidungsträger“ auf Stadt- und Landesebene sind eigentlich dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass diese Katastrophe so weit gedeihen konnte?

    Über sechs Jahre hässlichstes öffentliches Gerangel über „das futuristische Zentralgebäude nach Entwürfen des New Yorker Architekten Daniel Libeskind“.

    Die Bilanz? Staatsanwaltliche Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen die „Projektleitung“ des grotesk „konzipierten“ Zentralgebäudemonstrums, stetig steigende Kosten, immer noch keine Wirtschaftlichkeitsberechnung, 57 Millionen Euro ursprünglich genannt, derzeit vorübergehend auf 78,2 Millionen Euro „taxiert“, erhebliche Zweifel an dem Finanzierungskonzept beim Landesrechnungshof, keine gutachterliche Kalkulation durch unabhängige Experten, das „Fehlen etlicher Unterlagen“, massive Bedenken der Oberfinanzdirektion (OFD), unvollständige Informationen über die Gründe der verzögerten Fertigstellung, keine Berechnung der künftig anfallenden Unterhalts- oder Nutzungskosten etwa für Energie, Bauerhalt, Reinigung oder Reparaturen, keine halt- oder brauchbare Bestimmung der Parameter tatsächlich erzielbarer Verkaufserlöse für Uni-Liegenschaften, mutmaßlich unrechtmäßig berücksichtigte Vorsteuerabzugsbeträge bei der Ermittlung von Landeszuwendungen in Höhe von drei Millionen Euro – und eine vor Ensetzen zwischen überwiegend Häme und vereinzelt sektenähnlicher Bunkermentalität schwankende Bürgerschaft.

    Und nun will „die Hildesheimer Prüfbehörde (…) angesichts weiterer befürchteter Preissteigerungen sogar die radikale Alternative durchgerechnet wissen: Abriss des bisherigen Baus, Kündigung sämtlicher Verträge und ein neues Audimax in der für andere Hochschulen üblichen Standardversion.“

    Warum lassen wir die bereits „in Beton gegossenen“ Mauern nicht als „nachhaltiges“ Mahnmal provinziellen Größenwahns stehen, bauen eine „energieeffiziente“ Liebes-Keller-Kind-Mehrzweckhalle (Tanzpalast, Versammlungs- und Veranstaltungssaal inklusive Eisbahn für das schaulaufbedürftige Fachhochschulpräsidium) daneben und geben die überschüssigen Mittel in Höhe von sieben Millionen Euro schnell und unbürokratisch für den behutsam „historisch“ rekonstruierenden Wiederaufbau des Sonntagnacht abgebrannten Georg-von-Lösecke-Hauses Am Stintmarkt Nummero Zwo im Hafenviertel frei?

  2. @Carsten Weber: Gratulation und Anerkennung für diesen ungewöhnlich gelungenen Kommentar! Dem ist eigentlich nichts hinzu zu fügen. Nur eine (Teil-) Äußerung möchte ich zusätzlich hervorheben: „… und ein neues Audimax in der für andere Hochschulen üblichen Standardversion.“

    Das ist eine schallende, längst überfällige Ohrfeige für die verantwortlichen Traumtänzer in Lüneburg.

    Und ich hoffe dass LZonline die vielen Kommentrare aus der Zeit gespeichert hat, als dieses Bauvorhaben und die kalkulierten Kosten an die Öffentlichkeit kamen. Unzählige haben diese (Kosten-)Entwicklung vorausgesehen und gewarnt. Zu Recht wie sich jetzt zeigt. Es scheint, dass der Verstand der Bürger oft schärfer ist, als der von ………. . Den Vergleich mag jeder für sich vervollständigen.

  3. Hilarius Salusticus

    Einmal so recht von Herzen Ja und Bravo sagen, diesem Bedürfnis sind Sie mit Ihrer glänzenden Zusammenfassung entgegengekommen, Herr Weber, obwohl man bei Betrachtung des Anlasses gleichzeitig weinen und schreien möchte.

    Zur Leuphana-Groteske gibt es übrigens eine lesenswerte „Gesamtdarstellung“. Ich setze noch einmal die notwendigen Angaben zur Beschaffung der hochamüsanten Satire von Robert Lucius Groh unter den Klappentext seines Buches, der gewiss Appetit auf mehr macht. Ob seine literarische Verdichtung allerdings das schier unglaubwürige Ausmaß an bizarren Verrücktheiten zu spiegeln vermag, das die traurig-grelle Realität den Lüneburgern zumutet, muss jeder Leser, der ungläubig auf das angerichtete Desaster schaut, nach der gewiss lohnenden Lektüre für sich selber entscheiden.

    “In diesem literarischen Bericht nehmen der Ich-Erzähler und mit ihm der Leser die Rollen von ironisch-sarkastischen Zeitzeugen ein, die in ein aberwitziges, in seinem Irrsinn geradezu unwirkliches Schauspiel hineingezogen werden, welches gerade an einer kleinen Universität aufgeführt wird.

    Einige Jungdynamiker aus der McKinsey-Schwaller- und-Poseurenschule eignen sich nach und nach und von allen Kontrollinstanzen fast unbemerkt die Macht auf dem Campus einer Provinzstadt an und entfachen ein widersinniges Reform- und Projektfeuerwerk wie es die Stadt, die Region und die Bundesrepublik noch nicht erlebt hat. Flankiert durch Marketingmaßnahmen beispiellosen Ausmaßes demonstrieren sie der staunenden Mitwelt, wie eine „Universität neuen Typs“ erschaffen wird, ein Ort, an dem der heillose Gott der Effizienz in einem anhaltend “nachhaltigen” Dauerausbruch narkotisierenden Optimierungsgequassels seine Heimstatt findet.

    Die angebliche Alternativlosigkeit ihres Handelns kommt einer Selbstermächtigung von egomanen Glücksrittern gleich, die den undurchsichtigen Umgang mit EU-Fördermitteln, Bauprojekten und Finanzierungsmodellen zu einem äußerst fragwürdigen Projektmanagement-Debakel anschwellen lässt.

    „Wir sind Uni“ musste geschrieben werden, gerade auch deshalb, weil die Bildungspolitik seit Jahrzehnten zu einem Spielball von Landes- und Bundespolitikern geworden ist, die solche Exzesse, wie die hier beschriebenen, erst möglich machen: zum großen Leidwesen der Mitarbeiter, Lernenden, Lehrenden und Forschenden!

    Denn bei allen Bachelor- und sonstigen sich weiterhin an- schließenden Reformen werden fundamentale Fragen erst gar nicht gestellt: Was bedeutet Bildung heute? Was für ein Menschenbild soll eigentlich gefördert werden? Wie ist es mit der Einheit von Lehre und Forschung bestellt? Und: Was soll aus unseren Universitäten werden?”

    Der Autor studierte Philosophie und Geschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin

    Robert Lucius Groh, “Wir sind Uni. Eine bildungspolitische Provinzposse”. Verlag: tredition, Hamburg. 200 Seiten, kartoniert. Erschienen am 16. Oktober 2013. Bestellnummer: ISBN-13: 9783849569488. Preis: 15,99 €

  4. Nicht zu vergessen…
    In der Diskussion sollte nicht vergessen werden, dass es nicht nur um das Audimax geht. Die Herren Spoun und Keller und ihre willfährige Gefolgschaft richten die Uni nach und nach zu Grunde. Die Folge ihrer Tricksereien wird früher oder später die Insolvenz der Stiftungsuniversität sein. Wenn man bedenkt, dass solche Leute eine Bildungsinstitution leiten, kann man sich nur wundern, dass die Politik nahezu tatenlos zusieht, was hier in Lüneburg passiert. Und auch nicht vergessen werden sollte, dass all die Anwälte und Gutachter, die für Spoun und Keller arbeiten, vom Steuerzahler finanziert werden.

    TW

  5. Herrlich diese Kommentare

    Und während man im Hintergrund schon beginnt, die Kulissen abzubauen, rudert der arme Leuphana-Sprecher Henning Zühlsdorff am vorderen Bühnenrand noch wie verrückt mit den Armen und wirft einen übergroßen PR-Ballon nach dem anderen in den sich leerenden Zuschauerraum.

    Zwölf Meter groß sind die Lettern, mit denen auf der Homepage die letzte akademische Sensation vermeldet wird:

    „Rekord: 1.900 Besucher bei der Graduiertenfeier 2013“

    Außerdem vernimmt man:

    06. Dez Neu: Stadtlicht mit Lüneburg-Silhouette
    03. Dez Forschungsprojekt zu Green Economy und Gender gestartet
    02. Dez Auszeichnung für Dr. Weche Gelübcke
    02. Dez Leuphana startet Hilfsaktion für die Philippinen
    29. Nov Mädchen finden leichter neue Freunde
    28. Nov Lehrerbildung für eine nachhaltige Entwicklung (LeNa)
    27. Nov „Kunst und Leidenschaft“: Daniel Frese Preis 2014 ausgelobt
    27. Nov Erfolgreiche Gründungsberatung: SugarShape
    26. Nov Hyun-Jin Yun ist neuer Dirigent des Uni-Orchesters

    Wie sagte Altkanzler und Pipelinendirektor Schröder noch so schön?

    „Diese Republik regiert man mit Glotze und Richard David Prescht.“

    Kam er nicht aus Niedersachsen?

  6. Otto-Karl Susemelk

    Prognose: Rückblick auf das Jahr 2015 am Bockelsberg

    In dem seltsamen halbfertigen Eckhaus mit den schiefen Mauern in meiner Nachbarschaft befand sich lange Zeit eine Eisdiele, die irgendwann schließen mußte. Dann kam ein Dönerladen, dessen Besitzer schon nach wenigen Wochen bankrott war. Anschließend versuchten sich dort noch ein kleiner Textilladen, ein Ramschmarkt und ein Café – alle gingen innerhalb kürzester Zeit pleite. Jetzt sitzt die Leuphana in dem Gebäude. Es ist also nur noch eine Frage von Monaten, bis die weltgrößte Fachhochschule Lüneburgs Insolvenz anmeldet.

  7. Hilarius Salusticus

    Geschenktipp für Leuphana-Märchen-Liebhaber

    Kolm Heller, Tambourmajor in den Ressorts Marketingfeuerwerk und Budenzauber, empfiehlt die DVD-Box

    „Braunschlag“

    Worum geht’s? Das Kaff Braunschlag, das auch Lüneburg heißen könnte, siecht im brütendheißen Sommer Niederösterreichs, der auch am Nordostrand der Lüneburger Heide herrschen könnte, vor sich hin. Eigenwillig frisierte Spießer und Frömmler betrinken und betrügen sich vor Schrankwänden und auf geblümelten Sofas, dass die Erica (Calluna vulgaris), wackelt. Um aus der selbstverschuldeten Schuldenfalle zu kommen, erfinden der Bürgermeister und der Dorfdisco-Betreiber, der auch Präsidiumsbetreiber eines kleinen Fachhochschulkonsortiums sein könnte, (beide auf dem DVD-Cover zu bestaunen) ein Marienwunder, welches man sich durchaus auch als Zentralgebäudeneubauplan nach den Entwürfen des international bekannten Stararchitekten Daniel Libeskind vorstellen kann, das Touristen und Geld anlocken soll. Es wird ein bisschen anders kommen – und sehr, sehr teuer werden, wie wir Lüneburger natürlich längst ahnen.

    Der Josef-Hader-Kollege David Schalko hat mit großartigen Schauspielern wie Nicholas Ofczarek und Nina Proll eine irre Geschichte über die Provinz geschaffen. Irre komisch vor allem, voller Liebe zum Detail und einem untrüglichen Sinn für die Absurditäten des Lebens (auch des sogenannten „Universitäts“lebens). Man könnte es Filmkunst nennen. Liebesabenteuer im Chanson-Stil, Ausbrüche in Kuscheltier-Nachtklubs und unglaubliche Keller-Geheimnisse inbegriffen.

    Wer freut sich darüber? Jeder Lüneburger, dem auch an Weihnachten kein Audimax-Bau-Wahnsinn heilig ist, der sich nicht vom Dialekt abschrecken lässt (kein Problem für Plattschnacker) und der eine verschlungene Geschichte zu schätzen weiß, die – soviel sei verraten – nach acht Folgen in einer perfekten Katastrophe aufgeht.