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Beim Studium der Bevenser Kirchenbücher hat Tino Wagner seine Leidenschaft entdeckt - alte Kriminalfälle. Jetzt hat er ein Buch Historische Kriminalfälle im Landkreis Uelzen verfasst. Foto: t & w
Beim Studium der Bevenser Kirchenbücher hat Tino Wagner seine Leidenschaft entdeckt - alte Kriminalfälle. Jetzt hat er ein Buch Historische Kriminalfälle im Landkreis Uelzen verfasst. Foto: t & w

Von Mördern und Giftmischern

emi Bad Bevensen. Eine „liederliche Frauensperson“ aus Lüneburg ist an allem schuld. Als Tino Wagner vor zwei Jahren die Bevenser Kirchenbücher abschrieb, stieß der Justizvollzugsbeamte aus dem Kreis Uelzen auf die Geschichte von Charlotte Weinreich, die ihr uneheliches Neugeborenes 1804 im Misthaufen verscharrt haben soll – die Idee zu seinem Buch „Historische Kriminalfälle im Landkreis Uelzen“ war geboren.

Mord, Totschlag und Vergewaltigung: Wer glaubt, dass es früher ruhig und sicher in der Stadt und auf dem Land zuging, wird von Autor Wagner schnell eines Besseren belehrt. Der 37-Jährige hat 145 Fälle aus der Zeit zwischen 1580 und 1945 aus Lokalzeitungen, Kirchenbucheinträgen, alten Gefangenenbüchern und Ermittlungsakten zusammengetragen. Er beließ alle Texte der Authentizität halber im Originalwortlaut und bebilderte sie zum Teil mit alten Fotos.

In seinem Buch aufgeführt sind Verbrechen, wie sie auch heutzutage noch zum Teil geschehen. Verändert habe sich im Laufe der Zeit allerdings das Bewusstsein für das Strafmaß, sagt Wagner, Vorstandsmitglied im Verein Historisches Bevensen. „Während in früherer Zeit Mörder und Giftmischer gerädert, Kindsmörderinnen lebendig begraben wurden und Gefängnisse lediglich als Verwahranstalten dienten, steht heute der Aspekt der Resozialisierung im Vordergrund.“

Tino Wagner unternahm bei der Beschäftigung mit den historischen Fällen nicht nur „eine kleine Zeitreise“. Er wurde unversehens selbst in den Bann der Geschichten gezogen, gleichsam als „Krimileser, der den Weg selbst bestimmt“. Besonders fasziniert war der 37-Jährige „von den Schicksalen hinter den Fällen“. Als er beispielsweise die Geschichte der „liederlichen Frauensperson“ Charlotte Weinreich las, schossen ihm blitzschnell jede Menge Fragen durch den Kopf: „Aus welchen Verhältnissen stammte die Frau? Hatte sie ein Techtelmechtel oder kam das uneheliche Kind durch eine Vergewaltigung zustande?“ Wagner war elektrisiert, forschte weiter – vergebens.

„In vielen Fällen war die Weiterverfolgung einfach zu aufwendig“, gesteht der Autor. „Manche Geschichten gingen dagegen weiter, zogen sich durch mehrere Zeitungsartikel.“ Immer wieder stieß Wagner auf Verknüpfungen – auch mit der heutigen Zeit: „Ein Bekannter von mir erkannte in einem Fall sogar die Ermordung seines Urgroßvaters.“

Geschichtskenner Wagner hat bei seinen Untersuchungen festgestellt, dass nach dem ersten Weltkrieg die Zahl der Berichte über Straftaten in der Presse zunahm. „In der Nachkriegszeit häufen sich Einbrüche und Diebstähle. Es ging ums nackte Überleben.“

Der Justizvollzugsbeamte wagt sogar noch einen weitergehenden Erklärungsversuch: „Die negativen Erfahrungen an der Front haben sich sicherlich in den Wesenszügen der Menschen geäußert. Damals ging man nicht zum Psychologen.“

Eine Sache blieb immer gleich, egal, ob 1580 oder 1945: „Die Verbrechen lösten zu jeder Zeit Entsetzen aus.“ Aber Wagner hat den Eindruck gewonnen, „dass früher die Hilfsbereitschaft größer war“. Verletzte seien beispielsweise auf dem Fahrrad bis zum nächsten Dorf transportiert worden, und in einem Fall habe ein Augenzeuge den Täter bis zur nächsten Gastwirtschaft verfolgt. „Damals war auch die Zivilcourage größer“, glaubt der Beamte und vermutet: „Heute haben die Leute vielleicht Angst, selbst involviert zu werden, wie bei mancher U-Bahn-Schlägerei. Außerdem treten die Täter jetzt oft in Gruppen auf und nicht mehr allein.“

Respekt hat Tino Wagner auch vor der damaligen Ermittlungsarbeit der Polizei: „Es gab ja weder Computer noch Funkgeräte noch DNA-Analyse. Da ist es umso höher zu bewerten, dass überhaupt Fälle aufgeklärt wurden.“

Das Buch „Historische Kriminalfälle im Landkreis Uelzen“ richtet sich nicht nur an Familienforscher, es will alle Menschen für Geschichte begeistern: „Denn oft sind es die Geschichten direkt vor der Haustür, die am meisten beeindrucken.“ Vor allem, wenn sie von Mord, Totschlag und Vergewaltigung handeln.