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Der große LZonline – Jahresrückblick: Anna Sprockhoff

Manchmal muss man schon genau hingucken, um sie zu erkennen. Doch immer, wenn es in der Stadt oder dem Landkreis Lüneburg etwas zu berichten gibt, sind sie da: Die LZ-Redakteure. Jahr für Jahr schreiben sie tausende Zeilen, erzählen hunderte Geschichten. Für LZonline haben einige von ihnen ihre beeindruckensten, schönsten oder erschreckendsten Geschichten des Jahres nochmal heraus gekramt.

Welche Geschichte ist dir 2013 besonders in Erinnerung geblieben?
Ich mag besonders die kleinen, alltäglichen Geschichten mitten aus dem Leben. Da ist mir der kleine Maximilian Jasker aus Neuhaus als erstes in den Kopf geschossen. Der Elfjährige züchtet mit ganz viel Herzblut vom Aussterben bedrohte Haustierrassen. Diese Geschichte hat mich irgendwie gerührt.
Wie bist du auf Maximilian Jasker aufmerksam geworden?
Bei einem Termin kam  ich zufällig mit dem stellvertretenden Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Bildungszentrums Echem ins Gespräch. Und der erzählte mir von dem ersten Arche-Tag in Neuhaus, wo er einen beeindruckenden kleinen Züchter getroffen hat. Schnell hatte mich Herr Clar mit seiner Begeisterung für Maximilian angesteckt, und ich ließ mir Namen und Adresse geben.
Wie ging es dann weiter?
Ich habe mit Maximilian und seinen Eltern einen Termin ausgemacht und bin nach Neuhaus gefahren. Etwas außerhalb der Ortschaft hat Maximilians Vater ein Stück Land zum Tierparadies gemacht. Das Grundstück endet an der alten Krainke, einem kleinen Fluss. Wunderschön. Das ist ein Paradies. Kleine Minischweine lagen in der Sonne und dösten. Die Hähne sind rumstolziert, die Enten haben gebadet und die Schafe auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses gegrast. Das war das Landleben, nach dem sich alle sehnen. Und der kleine Artenretter Maximilian hat mir ganz stolz all seine Tiere gezeigt, wusste zu jeder Rasse etwas zu erzählen. Der hatte seine kleine Farm 1a im Griff.
Was war für dich das Besondere an dieser Geschichte?
Eigentlich ist es nur eine ganz kleine Geschichte des Alltags, aber mich hat sie berührt. Sie zeigt, was für tolle Menschen hier in der Region wohnen, die man nicht unbedingt sieht. Und die sich auch selbst gar nicht so in die Öffentlichkeit stellen würden. Außerdem fand ich es toll, dass ein kleiner Junge wie Maximilian schon so viel Verantwortung für seine Tiere übernimmt, jeden Tag parat steht, egal wie kalt oder ungemütlich es draußen ist oder wie viel lieber er an diesem Tag Fernsehen gucken würde. Das hat mich wirklich beeindruckt.

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Landeszeitung, 20./21. Juli 2013:

Maximilian der Artenretter 

off Neuhaus. Maximilian ist elf Jahre alt und ein viel beschäftigter Artenretter. Der Junge züchtet Bentheimer Landschafe und Lachshühner, Meißner Widder und Cröllwitzer Puten, alte Nutztierrassen, die vom Aussterben bedroht sind und Maximilians Herz im Sturm erobert haben. Doch nicht nur die gefährdeten Arten haben es dem Schüler angetan, der Junge, den alle nur Max nennen, liebt jedes Tier. Kurz hinterm Neuhauser Ortsschild, am Wasser der alten Krainke, hat Vater Jens Jasker seinem Sohn deshalb den größten Wunsch erfüllt – und ein schnödes Stück Land in ein Paradies für Max und Tier verwandelt.

Neuhaus, Sonne satt zur Mittagszeit. Die Ferkel der Minischweine dösen im Schatten, nebenan badet eine Ente im Planschbecken und im Gehege gegenüber mischt der japanische Zwerghahn Benjamin seine Hennen auf. Max, rote Haare und Zahnlücke, steht ein paar Meter weiter vorm offenen Kaninchenstall und packt den Meißner Widder mit einem schnellen Griff am Rückenfell.

Völlig entspannt sitzt das Schlappohr Sekunden später auf seinem Arm, das Sommersprossen-Gesicht des Jungen strahlt. “Das ist das Tolle an der Rasse”, sagt Max, “dass sie so ruhig und lieb sind.” Dann erzählt er, dass ein Kaufmann sie 1900 gezüchtet hat, es die Farben gelb, blau, schwarz-silber, schwarz und havanna gibt, 1975 nur noch 50 Tiere registriert waren. Max kennt sich aus mit seinen Tieren. “Kein Wunder”, sagt Papa Jens, “sein Zimmer steht voller Tierbücher.”

Schon seit Jahren vergeht kein Geburtstag, an dem sich der Sohn einer Gärtnereibesitzerin und eines Handwerkers kein Tierbuch wünscht. Jede freie Minute verbringt er bei seinen Schafen, Hühnern, Schweinen, Ziegen, Katzen, Hunden, Puten und Gänsen. Woher die große Tierliebe kommt? “Damit ist er wohl auf die Welt gekommen”, sagt sein Vater. “Schon als Baby gab es für Max nichts Schöneres, als mit Oma im Kinderwagen zum Tiere gucken zu fahren.” Mit zweieinhalb ist er fast jeden Tag zu den Schafen im Ort gelaufen, mit sechseinhalb war er die rechte Hand von Mehmet, dem Schäfer. Als Dank band der eines Tages einem seiner Schafe eine rote Schleife um den Hals und schenkte es Max. Mit Daisy war der Anfang gemacht.

Daisy zog auf das Gelände an der Krainke, bald kam ein Bock dazu, die ersten Lämmer wurden geboren, Hühner kamen dazu, Kaninchen, eine Ziege, irgendwann Schweine. “Mit jedem Jahr wurde es ein bisschen mehr”, sagt Jens Jasker. Und mit jedem Jahr interessierte sich Max mehr für die Zucht. Heute hat er vor allem bei den Archetieren Ehrgeiz entwickelt, weiß, worauf er achten muss, wie sich welche Eigenschaften vererben und warum welche wie wichtig sind. “Wenn es um Tiere geht, kann Max nie genug Neues lernen”, sagt sein Vater. Das aktuellste Projekt des Elfjährigen: Er will üben, seine Schafe selbst zu scheren.

Dass Max seinen Kindheitstraum leben kann, verdankt er seinen Eltern. Warum sie das alles auf sich nehmen? Bei all der Arbeit, den Kosten? Jens Jasker grinst und deutet auf Max, der am Bach steht, seine Schafe ruft und ihm mit breiter Zahnlücke zulacht. Für den Papa Antwort genug. Fast. Denn eines muss der Neuhauser noch gestehen: “Auch für uns ist das hier ein Paradies.”