Aktuell
Home | Lokales | Schicksalstag für Peter, den Bullen
Als letzter Bulle des Tages steht Peter vor der Körkommission. Besitzer Tim-Philipp Junge führt den 460-Kilo-Koloss eine Runde nach der nächsten durch den Auktionsparcours, bevor der Zuchtinspektor endlich sein Urteil fällt - und Peters Zukunft entschieden ist. Foto: t&w
Als letzter Bulle des Tages steht Peter vor der Körkommission. Besitzer Tim-Philipp Junge führt den 460-Kilo-Koloss eine Runde nach der nächsten durch den Auktionsparcours, bevor der Zuchtinspektor endlich sein Urteil fällt - und Peters Zukunft entschieden ist. Foto: t&w

Schicksalstag für Peter, den Bullen

Von Anna Sprockhoff
Uelzen. Sein Schicksal entscheidet sich an einem Dezembermorgen um kurz nach zehn. Im Auktionsparcours der Viehhalle Uelzen steht Peter, ein Jahr alt, 460 Kilogramm schwer, glänzendes Fell – ein Bild von einem Bullen. Und ein Leben, das in diesen Minuten in den Händen von zwei Fremden liegt. Geben sie grünes Licht, erwartet Peter eine Zukunft als Zuchtbulle, tun sie es nicht, wird er ein dreiviertel Jahr später mit 800 Kilogramm auf der Schlachtbank landen. Bei der 1000. Viehauktion in Uelzen geht es für Peter um nichts weniger als um Leben und Tod. Nachdem er die fünfte Vorführrunde beendet hat, ist das Urteil gefällt. Der Bulle kann zurück in die Wartehalle. Vorerst.

Die Körung der Bullen ist Teil fast jeder Auktion in Uelzen und auf den ersten Blick einer der unspektakulären Programmpunkte. Landwirte bringen ihre Bullen in den Parcours und führen sie so lange im Kreis, bis die Körkommission ihr Urteil verkündet. Auch das fällt kurz und knapp aus: Gekört oder nicht gekört. Was die jeweilige Entscheidung für die Zukunft bedeutet, müssen die Landwirte nicht mehr erörtern. Auf den meisten Betrieben ist es gängige Praxis: Ein nicht gekörter Bulle wird kastriert, gemästet und eines Tages geschlachtet. Auch in Echem bei Peter und Tim-Philipp Junge – dem Geburtsort von Peter.

Für Vater und Sohn ist der Schwarzbunte etwas Besonderes. 2008 kauften sie seine Großmutter Maria bei der Schau der Besten in Verden für mehr als 7500 Euro, eine Excellent-Kuh – und eine der Milchkühe, denen Junges ihren Zuchterfolg zu verdanken haben. Sie brachte nicht nur Bisior zur Welt, der heute als Zuchtbulle bei der Besamungsstation in Verden steht, sondern auch Mariechen, ebenfalls eine Topkuh und Mutter von Peter. Nun hoffen die Echemer, dass auch dieser Bulle für die Zucht zugelassen wird. Und dass sie bei der anschließenden Auktion einen guten Preis für ihn bekommen.

Viehhalle, kurz nach halb zehn, dritte Reihe, vierter Anbindeplatz. Peter steht im Stroh und döst, als sich mit festen Schritten Dr. Thomas Heilkenbrinker nähert. Der Tierarzt der Landwirtschaftskammer Niedersachsen will vor der Körung die Gesundheit des Bullen testen, genauer „den Zustand seiner edelsten Körperteile“. Mit geübten Griff tastet er Hoden, Nebenhodenschwänze und Penis ab, dann klopft er Peter aufs Hinterteil. „Alles bestens, von mir aus gekört.“ Hätte der Veterinär etwas Auffälliges gefunden, wären Peters Hoden zu klein oder verhärtet gewesen, hätte er das Schicksal des Bullen noch vor dem Auktionsring besiegelt – als „nicht gekört“. Nun heißt es weiter warten, bis der Zuchtinspektor das endgültige Urteil verkündet. Und Junges wissen, ob sie ihn als Zuchtbullen versteigern dürfen. Ober ob sie ihn als Mastrind wieder mit nach Hause nehmen.

Als Zuchtinspektor entscheidet Berend Raupers über die Bullen grundsätzlich zusammen mit einem Landwirt, dieses Mal steht Friedrich Wittgau an seiner Seite. Peter ist der letzte von zehn Bullen, der ihnen zur Körung vorgestellt wird, was sie über den Einjährigen denken, bleibt undurchsichtig. Mit ernsten Mienen beobachten sie den Bullen, der vor ihnen seine Runden dreht, schauen auf ihre Papiere, raunen sich etwas zu, machen Notizen, schauen wieder den Bullen an. Dann räuspert sich Raupers und sagt nach einer gefühlten Ewigkeit: „Nummer 14 gekört mit 131 Punkten.“ Das zweitbeste Ergebnis. Und die Entscheidung: Peter wird als Zuchtbulle weiterleben. Wo, besiegelt die anschließende Versteigerung.

Anderthalb Stunden später, die Stimme von Auktionator Michael Hellwinkel tönt aus den Lautsprechern. „Der letzte, der jüngste Bulle heute, super entwickelt ….“ Peter trottet ein zweites Mal durch den Ring. Wieder geht es um seine Zukunft. Wieder liegt sein Leben in den Händen von Fremden. „1000 einmal, 1000 zwomal…“ Niemand bietet. „1000 zum Ersten, 1000 zum Zweiten.“ Nichts passiert, der Bedarf an Bullen scheint gedeckt. Hellwinkel versucht es weiter. Und zu seiner Linken hebt sich eine Hand. „1100. . . Und 1100 zum Ersten, 1100 zum Zweiten, 1100 zuuuum Dritten.“ Verkauft. Peter wird nicht mehr nach Echem zurückkehren. Um kurz nach halb zwölf entscheidet sich sein Schicksal ein zweites Mal.

Ersteigert hat den Bullen mit Philipp Schrader ein Junglandwirt aus dem Landkreis Helmstedt. Dort wird Peter in einer Herde mit den weiblichen Rindern leben, im Natursprung decken „und hoffentlich für wunderbaren Nachwuchs sorgen“, sagt Schrader. Dass er mit 1100 Euro ein Schnäppchen gemacht hat, für den Milchbauern ein Glücksfall. Für Peter Junge Pech. „Aber das normale Auktionsrisiko“, sagt der Echemer. Dass er vom Schlachter für den Bullen in wenigen Monaten vermutlich mehr bekommen hätte, für Junge kein Thema. „Das ist ein toller Bulle mit einer tollen Abstammung“, sagt er, „der gehört in die Zucht und nicht auf den Teller.“ Insofern ist die 1000. Uelzener Viehauktion für Junges ein voller Erfolg gewesen – und für Peter, den Bullen, lebensrettend.