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Der große LZonline – Jahresrückblick: Carlo Eggeling

Manchmal muss man schon genau hingucken, um sie zu erkennen. Doch immer, wenn es in der Stadt oder dem Landkreis Lüneburg etwas zu berichten gibt, sind sie da: Die LZ-Redakteure. Jahr für Jahr schreiben sie tausende Zeilen, erzählen hunderte Geschichten. Für LZonline haben einige von ihnen ihre beeindruckensten, schönsten oder erschreckendsten Geschichten des Jahres nochmal heraus gekramt.

Welche Geschichte ist dir 2013 besonders in Erinnerung geblieben? 

Eins der herausragendsten Ereignisse in diesem Jahr war Anfang Dezember der Brand am Stintmarkt. Wir haben häufiger Feuer in Lüneburg, aber an einen Brand in diesem Ausmaß kann ich mich nicht erinnern. Das ist eine fürchterliche Geschichte, weil die Feuerwehr massive Probleme hatte, dort zu löschen. Die Ilmenau ist eine große Barriere, die Männer und Frauen kamen einfach nicht richtig an die Brandherde, um zu löschen. Es war eine dramatische und tragische Entscheidung, die der Oberbürgerbürgermeister treffen musste, dieses Haus abzureißen. Sonst hätte man gar nicht löschen können. Die Häuser in der Altstadt stehen eng an eng, da hätte eine ganze Hauszeile abbrennen können.
Wir wissen jetzt, das es Brandstiftung war. Was ich menschlich dramatisch finde ist, dass jemand, der dort Feuer legt, in Kauf nimmt, dass Menschen ums Leben kommen könnten. Ganz fürchterlich finde ich auch, dass Gerüchte durch diese Stadt geistern und Menschen in den Verdacht geraten, aus wirtschaftlichen Gründen ein Haus angezündet zu haben. Das ist durch überhaupt nichts belegt.

Wann und wie hast du von dem Brand erfahren?  

Das Feuer ist wahrscheinlich gegen Viertel vor Vier an einem Montagmorgen ausgebrochen. Mich erreichte eine Benachrichtigung der Polizei, aber auch viele Feuerwehrleute haben mich angerufen. Ich bin dann eine gute halbe Stunde später dort gewesen. Am Anfang sah es gar nicht so groß und dramatisch aus, dann hat sich das Feuer aber immer weiter ausgedehnt. Es war eine gespenstische Situation, auf der einen Seite waren Feuerwehrleute dort, die immer mehr Helfer ran geholt haben, auf der anderen Seite haben die Männer in der Bäckerei ein paar Meter weiter ganz normal die Brötchen gebacken –  eine völlig skurrile Situation. Beeindruckend fand ich auch den Kampf der Feuerwehrleute und anderen Helfer. Die DLRG ist gekommen, das THW ist gekommen, das sind ja alles ehrenamtliche Helfer, sie sind alle da gewesen. Dieser Kampf, den die Helfer ausgefochten haben, für die Stadt, für Lüneburg, das hat mich mächtig beeindruckt.

Hat diese Geschichte etwas an deiner Arbeit geändert?  

Nein, in meiner Arbeit ändert sich nichts. Es ist unser Job darüber zu berichten, was in der Stadt passiert. Wir sind die Berichterstatter und Zaungäste, den wirklich Job erledigen die Leute, die dort löschen oder den Rettungsdienst versehen und die Polizei. Hat der Brand eine kriminelle Ursache, stellt sich ja die Frage, welche Kräfte wirken hinter den Kulissen. Ich finde, da muss man genau hinschauen.

Die Polizei ist mitten in der Ermittlungen, 2015 soll das Gebäude wieder aufgebaut werden. Welche Perspektiven wünschst du dir im Zusammenhang mit dem Brand?

Ich wünsche mir ganz klar, dass diese Geschichte aufgeklärt wird. Einfach auch deshalb, um den Verdacht von Menschen zu lenken, die damit wahrscheinlich gar nichts zu tun haben. Damit sie wieder gerade und aufrecht durch die Stadt gehen können, ohne diesen scheelen Blicken ausgesetzt zu sein. Ich finde es wichtig, dass die Polizei dort einen guten Job erledigt. Im Januar wollen sich die Stadt, die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk, die DLRG und die Rettungsdienste zusammensetzen und daran feilen, welche Konzept man für künftige Herausforderungen braucht. Es kann wieder im Wasserviertel brennen. Wir werden eine Autobahn bekommen, mit einem Tunnel, da muss man sich auch mit solchen Themen auseinandersetzen und eine Perspektive für eine sichere Stadt entwickeln.

Der große LZonline – Jahresrückblick (Teil 1): Anna Sprockhoff, Ressort: Lokales Landkreis 

Der große LZonline – Jahresrückblick (Teil 2): Andreas Safft, Ressort: Sport

Der große LZonline – Jahresrückblick (Teil 3): Hans-Martin Koch, Ressort: Kultur

 Stint

 

 

Landeszeitung, 3. Dezember 2013:

Erinnerungen an Kaufhaus-Brand

Von Carlo Eggeling
Lüneburg. Die Wucht der Explosion hob Huw Hamilton samt Bett vom Boden. Er läuft ins Freie und erlebt, wie sein Leben in Flammen aufgeht: sein Irish Pub, seine Möbel, seine Instrumente. Grund ist ein Feuer, das Lüneburg seit einem halben Jahrhundert so nicht erlebt hat. Damals, 1959, war wenige Meter entfernt das Alte Kaufhaus abgebrannt.

Es ist eine ähnliche Katastrophe, gegen die am Montag nach der Alarmierung um 3.44 Uhr erst Einsatzleiter Markus-Björn Peisker und später Stadtbrandmeister Thorsten Diesterhöft kämpfen: Im Lokal Trattoria ist ein Brand ausgebrochen, er frisst sich rasend schnell durch das Haus am Stint.

„Wir haben ein massives Problem, an die Rückseite zu gelangen“, sagt Peisker. „Von der Ilmenau aus kommen wir nicht ans Haus.“ Er improvisiert: Drei Drehleitern quetschen sich in die enge Straße, aus der Abtsmühle, die zum Hotel Bergström gehört, lässt er Strahlrohre in Stellung bringen, vom Fluss aus unterstützt die DLRG mit Booten und Wasserkanonen. Polizei und Helfer evakuieren Nachbarhäuser. Gäste aus den Hotelzimmern in der alten Mühle ziehen um ins Haupthaus.

Peisker hat 130 Leute im Einsatz. Zu wenig. Nachbargemeinden schicken weitere Kräfte. Die Zahl wächst auf 300. DLRG, Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz und Arbeiter-Samariter-Bund bringen noch mal 200 auf die Beine. „Wir versuchen etwas Ungewöhnliches“, sagt Peisker. Um auf die andere Seite zu kommen, soll ein Autokran der Firma Anker in einem Korb Feuerwehrleute übers Dach heben, damit sie löschen können. Reinhard Laddik lenkt seinen Kran zentimetergenau auf den Stint. Dennis Schwien und Harald Warnke klettern in die Kabine – und können nichts ausrichten: Der Druck aus dem Wasserschlauch lässt sie trudeln.

Die Lüneburger holen die Hamburger Berufsfeuerwehr mit einem 54 Meter langen Mast zu Hilfe. Deren Einsatzleiter Torsten Knuhr platziert den Koloss am Alten Kran, der Experte schätzt: „Zwischen uns und dem Haus liegen 70 Meter.“ Mit Mühe erreicht der Wasserwerfer das brennende Haus, fünf, sechs Meter davon kann er besprühen.

Alessandro de Flaviis steht daneben und blickt auf die Reste seines Restaurants: „Um Mitternacht bin ich gegangen, da war alles in Ordnung.“ In der Nacht hätten ihn Mitarbeiter angerufen: Sie stünden vor der Trattoria, es brenne. „Vor zehn Jahren haben wir dort angefangen, jetzt ist alles hin. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“ Ein Verdacht nagt in ihm: Im Juli habe es nebenan auf einem Balkon gebrannt, damals habe er gedacht, das Feuer könne ihm gegolten haben. War es in der Nacht vielleicht Brandstiftung?

Polizeisprecher Kai Richter schließt nichts aus: „Wir können wenig sagen, die Brandermittler können das Gebäude noch nicht betreten, es besteht Einsturzgefahr.“ Böse Gerüchte schießen ins Kraut: heiße Sanierung wegen finanzieller Probleme, Schutzgelderpressung. Richter zuckt die Schultern: Alles Spekulation, auch ein technischer Defekt sei denkbar. Der Knall müsse nicht von einer Explosion herrühren, könne auch mit zerberstenden Scheiben zu tun haben. All das soll später die Spurensuche klären, doch die wird dauern.

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Fotogalerien:

Großbrand am Stintmarkt – Die Löscharbeiten (Teil 1)

Großbrand am Stintmarkt – Der Abriss (Teil 2)

Großbrand am Stintmarkt – Die Brandruine (Teil 3)

Großbrand am Stintmarkt – Die Polizei ermittelt (Teil 4)