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Der große LZonline – Jahresrückblick: Hans-Martin Koch

Manchmal muss man schon genau hingucken, um sie zu
erkennen. Doch immer, wenn es in der Stadt oder dem Landkreis
Lüneburg etwas zu berichten gibt, sind sie da: Die LZ-Redakteure.
Jahr für Jahr schreiben sie tausende Zeilen, erzählen hunderte
Geschichten. Für LZonline haben einige von ihnen ihre
beeindruckensten, schönsten oder erschreckendsten Geschichten des
Jahres nochmal heraus gekramt.

Welche Geschichte ist dir 2013 besonders in
Erinnerung geblieben? 

Das ist schwer zu sagen, bei gut 100 Terminen, auf denen
man sich im Laufe eines Jahres tummelt. Vielleicht Ruth Fiedler in
der Oper „Lucia di Lammermoor“ oder die Tatsache, dass einem
Lüneburger Künstler eine Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg
gewidmet wurde, das war Jean Leppien. Oder, sicher immer etwas
Besonderes, wenn das Jahrmarkttheater in Wettenbostel Open Air
Theater macht. In diesem Jahr ist es das Stück „Dracula“
gewesen. Die „Dracula“-Produktion war inhaltlich gut und
spannend. Was man natürlich auch noch nennen muss, ist die
Qualität, die in diesem Jahr das Krimifestival hatte.

Was macht besonders spannende
Geschichten aus, wie „kriegen“ sie dich?

Sie „kriegen“ mich immer zweimal,
einmal wenn ich von ihnen erfahre und sie in den Terminkalender
eintrage und dann, wenn ich hinfahre und wenn es losgeht. Also so
gesehen, ist immer der nächste Termin der spannendste und beste.
Hinterher war es vielleicht nicht immer der beste, aber das zeigt
sich dann.
Fällt es leichter über herausragende
Geschichten und Ereignisse zu
schreiben? 
Nein.
Inwiefern fließen
deine persönliche Interessen in deine Texte mit
ein?
Das ist schwer zu sagen. Man schreibt ja Rezensionen und
Kritiken und natürlich fließt man da als Person ein. Jemand der
lange liest, kann das natürlich auch rauslesen. Am besten schreibt
es sich natürlich über Dinge, die auch mit Sprache zu tun haben.
Über Theater und Literatur ist es im Prinzip einfacher zu
schreiben, als über Musik oder bildende
Kunst.

 

LZonline
– Jahresrückblick (Teil 1): Anna Sprockhoff
LZonline
– Jahresrückblick (Teil 2): Andreas Safft
Kultur   Landeszeitung,
3./4. August 2013: Zum Anbeißen Von
H.-M. Koch Wettenbostel. Noch picken sich ein paar Hühner ihre Bahn
über Hof und Rasen, das eintrudelnde Publikum genießt Blaubeeren,
Butterkuchen und roten Wein, die Sonne neigt sich – ach, ist der
Sommer schön. Auf dem Hof von Maria Krewet stehen wieder die blauen
Hocker bereit: Das Jahrmarkttheater ist da. Drinnen in der
Reithalle, die sich gleich in ein transsylvanisches Schloss
verwandeln wird, dreht Andreas Furcht noch ein paar
Konzentrationsrunden. Weiße Kontaktlinsen hat er vor die Augäpfel
geschoben, den blutrot gefütterten schwarzen Umhang übergeworfen
und die spitzen Zähne eingesetzt. Furcht wird die Titelrolle
spielen, den Grafen, der die Nacht braucht und das Blut der
anderen, der grausam ist und einsam. „Dracula, das Fremde und das
Böse“ hat Premiere – es wird ein starker, ein intensiver Abend.
Thomas Matschoß und Anja Imig fügen dem Bram-Stoker-Klassiker eine
eigene Variante hinzu, ein Open-Air-Schauerdrama. Sie lassen die
Geschichte in der Zeit des Romans, irgendwo an der Schwelle zum 20.
Jahrhundert. Hinzu packen sie, was charakteristisch ist fürs
Jahrmarkttheater: wechselnde Spielorte, das Verbinden von Musik und
Schauspiel, die Lust am Absurden, der Mix darstellerischer Mittel
und die Neigung, das Stück mit manchmal etwas dick aufgetragener
Botschaft auszupolstern. Das Böse ist immer und überall, zeigt
„Dracula“ – und Schlimmeres als bisher steht dem ja so
zivilisierten Menschen anno 1900 noch bevor. Der Graf muss es
wissen, er nachtwandelt seit 1431 auf Erden, das ist das Jahr, in
dem Jeanne d’Arc verbrannt wurde. Seither hat Dracula alles Übel
der Welt gesehen und einiges draußen in den Karpaten selbst
verschuldet. Andreas Furchts Dracula ist unendlich lebens- bzw.
todmüde, doch wenn des Nachts sein Durst erwacht, er den Hals einer
schönen Frau erspäht, mutiert er nach wie vor in ein
triebgesteuertes, von Gier zerfressenes Wesen. Blut ist eben ein
ganz besonderer Saft. Thomas Matschoß achtet in seiner Inszenierung
auf die Balance von Komik und Tragik, von Spannung und Betrachtung.
Er zeigt Faszination und Schrecken des Verbotenen bis hin zur Macht
dunkler Erotik. Sie bekommt hautnah der naive Londoner
Immobilienmakler Jonathan Harker auf seiner Dienstreise nach
Transsylvanien zu spüren. Nachts im düstren Schloss dürstet es drei
lüsterne Vampirinnen nach ihm bzw. nach seinem Blut. Auch der
Versuch einer wahrlich halsbrecherischen Flucht wird Harker nicht
helfen, das Schiff nach London legt ohne ihn ab. Aber mit dem
Grafen auf der Fahrt zu Harkers Verlobter Mina und deren Freundin
Lucy. Der entscheidende Kniff, der so oft strapazierten
Vampir-Geschichte neuen Biss, neuen Witz und ein wenig eine neue
Betrachtung hinzuzufügen, ist der Einsatz eines Bänkelsängers. Axel
Pätz, bundesweit bepreister Klavierkabarettist, gliedert,
begleitet, kommentiert das Geschehen, er greift spielerisch ein.
Seine Lieder und Beiträge sorgen für Brüche, die dem Banalen Tiefe
geben, und sie erden das Stück, wenn Gefühlsgedusel droht. Axel
Pätz ist ein riesiger Gewinn für das insgesamt großartige Team,
inklusive einiger Kinder. Die so charmante Spielstätte immer wieder
neu zu erfinden, das gelingt dem Team und Ausstatterin Anja Imig
eindrucksvoll. Im Eichenhain sausen riesige rote Vorhänge nieder.
Hier ist nun London, hier spitzen sich die Dinge zu, manchmal in
geraffter Form. Blutig wird’s, was dramaturgisch schön gelöst wird,
Blut ist eben ein ganz besonderer Stoff. Lucy wird Dracula
verfallen, Mina sich dem Schnösel Arthur nähern, Irrenarzt Dr.
Seward all seinen Frust in Pillen auflösen und Patient Renfield
Spinnengetier futtern und Wahres reden. Draculajäger van Helsing
greift am Ende zum Hammer, um das Herz des Grafen zu pfählen. Doch
das Böse, das lauert schon in – nein, das muss man selbst sehen.
Das ist bis zum 1. September möglich, draußen in Wettenbostel, wo
die Wölfe heulen und bisher nur Mücken die Blutsaugerei betrieben.