Aktuell
Home | Lokales | Wem gehört das Land?
Experte Michael Heyer erklärt im LZ-Gespräch das Phänomen Landraub. Foto: hum
Experte Michael Heyer erklärt im LZ-Gespräch das Phänomen Landraub. Foto: hum

Wem gehört das Land?

Lüneburg. Besitz von Grund und Boden schafft Sicherheit. Über die Eigentumsverhältnisse gibt es hierzulande selten Streit, während in asiatischen und afrikanischen Ländern ein blutiger Kampf um die knappe Ressource tobt. Michael Heyer, Leiter des Katasteramtes Uelzen und ehemaliger Chef des Lüneburger Katasteramtes, erklärt im Gespräch mit LZ-Mitarbeiterin und Umweltwissenschaftlerin Anja Humburg aus historischer Perspektive, wie es zu dem Phänomen Landraub kommt und was Grund und Boden hierzulande schützt.

 

Nicht nur Wasser, Wald und Atmosphäre ächzen unter Übernutzung durch den Menschen, auch der Boden verliert weltweit an Fruchtbarkeit. Belegen die Landesvermessungen älteren Datums historische Übernutzungen in der Region?
Michael Heyer: Gerade in der Lüneburger Heide hat man lange Zeit nur etwas aus der Fläche entnommen, ohne etwas für ihren Erhalt zu tun, mit der Folge, dass die Böden immer schlechter wurden. Denken wir an das Abholzen des Waldes für die Saline oder den Plaggenhieb, bei dem große Teile des Oberbodens entnommen und zur Ernährung des Viehs im Winter benutzt wurden.

Neben Landwirtschaft und industrieller Nutzung bedroht seit einiger Zeit ein neues Phänomen die Ressource Boden: Firmen und Regierungen kaufen gerade in asiatischen und afrikanischen Ländern Land auf, um sich Zugänge zu Ressourcen zu sichern, die knapp werden. Was schützt Grund und Boden in Deutschland davor, aufgekauft zu werden?
Heyer: Im Unterschied zu vielen anderen Ländern gibt es bei uns kaum Boden in Gemeinschaftsbesitz, von dem man mehr oder weniger Besitz ergreifen kann. Praktisch jeder Quadratmeter ist einer Einzelperson zugeteilt oder im Staatsbesitz wie der Forst Göhrde.

Wie kam es zu der Privatisierung des Bodens bei uns?
Heyer: Bis Anfang des 19. Jahrhunderts waren nur Hofgrundstücke in Ortslagen in Privatbesitz. In der Geest wurden nur einzelne Inseln mit langen schmalen Flurstücken genutzt, da die relativ schlechten Böden mit den damaligen Bewirtschaftungsmethoden nur wenig Ertrag lieferten. Wald und Heide waren im Gemeinschaftsbesitz und wurden zur Schweineweide benutzt: die Allmende. Mit den modernen Bewirtschaftungsmethoden wurde die Allmende in Privatbesitz aufgeteilt. Kunstdünger und die ersten Dampfmaschinen kamen auf den Markt. Man konnte die Böden besser bewirtschaften, das Land wurde attraktiver.

Die Allmende war kein Niemandsland. Wie war ihre Nutzung geregelt?
Heyer: Für die Allmende war durch Vereinbarung oder staatliche Vorgaben geregelt, welcher Bauer wie viele Schweine auf die Weide oder zur Eichelmast in den Wald treiben durf-te, um sie vor Übernutzung zu schützen.

Gibt es hier heute noch Allmenden?
Heyer: Ja, es soll noch einzelne Flächen in der Region geben. Diese Flächen unterstehen dem Gemeinschaftsrecht sämtlicher dort ansässiger Grundeigentümer, die sich selbst darüber verständigen müssen, wie sie das Land untereinander nutzen und verteilen. Diese Flächen werden heute als „Realgemeinde“ bezeichnet.

Wie sind die Eigentumsverhältnisse von Grund und Boden in Privatbesitz heute geregelt?
Heyer: Normalerweise muss jeder, der ein Eigentumsrecht in Anspruch nehmen will, im Zweifelsfall beweisen, dass er das hat. In Deutschland ist das im Bereich des Grund und Bodens mit dem Grundbuchrecht umgekehrt worden. Das heißt, wer im Grundbuch eingetragen ist, der ist Eigentümer des Grundstücks. Derjenige, der das bestreitet, muss den Beweis antreten. In den meisten anderen Ländern gilt das englisch-amerikanische System der „land titles“. Eigentümer ist derjenige, der die älteste Besitzurkunde vorlegen kann. Das heißt, auch dort kann man alte Besitzurkunden hinterlegen, aber man ist nicht dagegen geschützt, dass plötzlich jemand mit einer älteren Urkunde auftaucht.

Welchen Einfluss hatte die Privatisierung des Bodens?
Heyer: Sie führte zur freien Verfügbarkeit über die Fläche. Grundsätzlich kann jeder Bauer nach eigenem Gutdünken über seine Flächen verfügen, zum Beispiel entscheiden, welche Feldfrucht er unterbringt. Früher schrieb die Flurpflicht den Bauern vor, eine bestimmte Feldfrucht anzubauen.

Die Freiheit des Eigentums ist ein typisches marktwirtschaftliches Prinzip. Sehen Sie auch Risiken, wenn jemand frei über sein Land verfügen kann?
Heyer: Das deutsche System schränkt diese Freiheit mit der Sozialpflicht des Eigentums ein. So darf in bestimmten Gebieten nicht gedüngt werden. Es gelten auch Rechte des Allgemeingebrauchs: jeder, auch derjenige, der nicht der Eigentümer ist, darf gewisse Dinge auf außerorts gelegenen Grundstücken machen. Zum Beispiel auf fremden Äckern für den eigenen Bedarf Pilze sammeln, nicht jedoch für gewerbliche Zwecke. In Skandinavien räumt der Allgemeinbedarf auch das Recht ein, frei zu übernachten. Anders ist es im englisch-amerikanischen System, wo das absolute Eigentum gilt.

Die Sozialpflicht relativiert den Eigentumsbegriff . . .
Heyer: Genau. Deswegen gibt es gewisse Widerstände, denn die Grundeigentümer sehen das heute nicht mehr so gerne und versuchen, diese Rechte immer mehr auszuhöhlen.

In Ostdeutschland wollen derzeit viele junge Landwirte eigene Betriebe gründen. Doch die Preise für das Land, das sie kaufen wollen, sind so hoch, dass sie das Geld nicht aufbringen können. Das Land wird an den Meistbietenden versteigert. Das führt dazu, dass sehr wenige Landwirte sehr große Betriebe haben. Sehen sie einen Ausweg?
Heyer: Grund und Boden sind in Deutschland generell rar, daher sind die Preise relativ hoch. Auch in den Randgebieten der Großstädte gehen die Preise ganz schön in die Höhe, während die Preise in Ostdeutschland noch nach wie vor verhältnismäßig niedrig sind.

Nicht alle natürlichen Ressourcen haben einen Preis. Zugang lässt sich auch auf anderen Wegen als über Besitz regeln . . .
Heyer: Das Wasser in den Flüssen und Seen ist, anders als der Boden, nicht eigentumsfähig. Das regelt das Wasserhaushaltsgesetz. Das heißt: Es fließt zwar über das Grundstück einer Person, sie kann aber nicht frei darüber verfügen. Gerade weil Wasser ein knappes Gut ist, wird es besonders geschützt.

 

Für viele Unternehmen und Regierungen der westlichen Welt ist der Kauf von Land in den Ländern des Südens reizvoll: Allein auf dem afrikanischen Kontinent liegen 10 Prozent der weltweiten Ölvorkommen, 50 Prozent der Diamantenvorkommen und 25 Prozent der globalen Goldvorkommen. Viele weitere natürliche Ressourcen wie Mangan, Kobalt, Chrom und Coltan sind wichtige Rohstoffe für die Luftfahrt oder die Mobilfunkindustrie. Mit der wachsenden Nachfrage nach Agrotreibstoffen und Fleisch in den Industrie- und Schwellenländern werden auch die fruchtbaren Böden in Afrika und Asien für den Anbau von Nahrungsmitteln, Energiepflanzen und Viehfutter genutzt. Der Landkauf, also die Privatisierung von Grund und Boden, sichert Regierungen und Unternehmen Zugänge zu den Ressourcen, während die Bevölkerung kaum von dem Handel profitiert.

Der westliche Eigentumsbegriff kollidiert mit gewachsenen, nie beurkundeten Landnutzungen indigener Völker. Land ist dort meist in Gemeinschaftsbesitz. Landkauf verletzt so häufig die Landrechte der ursprünglichen „Besitzer“. Der Landraub gefährdet die Ernährungssicherheit der Bevölkerung vor Ort. Böden werden durch falsche Anbaumethoden zerstört. Unter den Betroffenen regt sich langsam Widerstand gegen den Ausverkauf ihrer Länder.

In Deutschland hat das Katasteramt die Aufgabe, die Grenzen von Grund und Boden und die Nutzung der Flächen für Zwecke wie Landwirtschaft, Verkehr oder Wohnen zu dokumentieren. Parallel registriert das Grundbuchamt die Eigentümer dieser Flächen.