Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Das frühlingshafte Wetter hat die Zierkirsche im Garten von Franz Darger zum Blühen gebracht, fast zwei Monate früher als üblich. Foto: t&w
Das frühlingshafte Wetter hat die Zierkirsche im Garten von Franz Darger zum Blühen gebracht, fast zwei Monate früher als üblich. Foto: t&w

Frühlingsboten im Winter

off Rettmer/Rullstorf. Wenn Jochen Hartmann morgens aus dem Fenster schaut, wünscht sich der Landwirt derzeit nur noch eins: endlich Frost. Die Minusgrade wären wichtig für seine Felder und für seine eigene innere Ruhe. „Solange wir so warmes Wetter wie jetzt haben, gibt es irgendwo immer etwas zu tun und die Winterentspannung will sich so richtig nicht einstellen“, sagt er. Glaubt man allerdings einer alten Bauernregel, wird es in diesem Jahr nichts mehr mit Eis und Schnee. Die prophezeit nämlich: „Ist bis Dreikönigstag kein Winter, so kommt auch kein strenger mehr dahinter.“

Wintergerste
Weiter entwickelt als für Januar üblich steh die Wintergerste auf dem Feld von Landwirt Jochen Hartmann. Foto: t&w

Sollte die Überlieferung recht behalten, muss sich Jochen Hartmann auf zusätzliche Arbeit einstellen und in wenigen Monaten den Job erledigen, den normalerweise der Frost für ihn übernommen hätte. „Die Zwischenfrüchte zum Beispiel erfrieren normalerweise im Winter, sodass wir die abgestorbenen Pflanzenreste im Frühjahr einfach in den Boden einarbeiten können“, sagt er. Ist das nicht der Fall, muss er die Pflanzen künstlich abtöten. Einsatz von Chemie, auf den Hartmann gerne verzichten würde.

Wichtig wäre eine längere Frostperiode auch, um die übrigen Felder „sauber zu halten“. „So sterben bei den Minusgraden zum Beispiel alle liegen gebliebenen Kartoffeln ab und treiben so im Frühjahr nicht wieder neu aus“, sagt Hartmann. Auch den Insektenbestand im Boden würde der Frost dezimieren, „insgesamt verbessert ein ordentlicher Winter die Feldhygiene“. Gleichzeitig könnte eine plötzlich hereinbrechende Kälteperiode Hartmanns Ackerkulturen aber auch gefährlich werden. „Solange es noch so warm ist, wächst das Wintergetreide eifrig weiter“, sagt er, „kommt dann im Februar strenger Kahlfrost, kann das vor allem den weit entwickelten Pflanzen Probleme bereiten.“

Ähnliche Sorgen macht sich derzeit auch Franz Darger, stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes Gartenbau Harburg-Lüneburg. „Viele Pflanzen wachsen bei den warmen Temperaturen langsam weiter“, sagt der Rullstorfer Garten- und Landschaftsbauer, „kommt harter Frost, wenn sie bereits ausgetrieben haben, drohen Frostschäden“. Wie weit die Pflanzenwelt ihrer Zeit derzeit voraus ist, sei von der jeweiligen Pflanzenart abhängig, sagt Fachmann Darger. „Aber in meinem Garten blüht bereits eine Zierkirsche, die normalerweise erst im März so weit ist.“

Langfristige Wetterprognosen wagt derzeit auch Macus Beyer vom Deutschen Wetterdienst nicht. Doch so viel kann der Meteorologe mit Sicherheit sagen: „Es wird definitiv kälter.“ Heute erwarteten den Norden noch einmal sehr warme Temperaturen, „ab Freitag wird es dann Stück für Stück kälter“. Von Nordwesten her nähere sich eine Kaltfront gekoppelt an Tiefdruckgebiet Dagmar. Die Folgen: „Am Wochenende werden die Temperaturen bereits im einstelligen Bereich liegen, in der nächsten Woche wird es mit Sicherheit Nachtfrost geben.“ Ob es dann auch tagsüber frieren wird, kann Beyer nicht genau sagen. Doch mit Glück genügen die Minusgrade für Jochen Hartmanns Feldhygiene und vielleicht auch für ein paar Tage wohlverdiente Winterruhe.