Donnerstag , 29. September 2016
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Ein seltenes Exemplar: Das Braune Langohr hängt entspannt in einem Lochziegel. Foto: tja
Ein seltenes Exemplar: Das Braune Langohr hängt entspannt in einem Lochziegel. Foto: tja

Inventur im Fledermaus-Quartier

tja Geesthacht. Bereits seit mehr als zehn Jahren betreut der Naturschutzbund (Nabu) in Geesthacht Fledermaus-Winterquartiere. Jetzt war „Inventur“. Herbert Bahr, der Fledermaus-Beauftragte des Nabu in der Stadt, und Matthias Götsche vom Fledermaus-Monitoring der Universität Kiel, besichtigten die Unterkünfte. Vier alte Bunkeranlagen aus der Zeit der Dynamitfabrik von Alfred Nobel und ein Stollen in Tesperhude, der während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzbunker für die Einwohner diente, wurden begutachtet. Die Nähe zur Elbe gilt als ideal für Fledermäuse.

„In diesem Jahr herrscht in den Winterquartieren noch nicht allzu viel Gedränge, weil es noch nicht kalt genug war“, weiß Götsche. Herbert Bahr steigt eine Leiter hinunter, die in einen unterirdischen Bunker führt. Bahr schließt die kleine quadratische Stahltür auf und gibt so den Blick frei auf einen teilweise gesprengten und eingestürzten Bunker, in den früher vermutlich eine Lore führte. In dem Bunker auf dem Gelände des Helmholtz-Forschungszentrums finden die Experten nur vereinzelte Fledermäuse, die in eigens angebrachten Lochsteinen hängen. „Eine Fransen“, sagt Götsche  und meint eine Fransenfledermaus. Ein paar Kästen weiter hängt eine Wasserfledermaus. Beide Arten sind typisch für Geesthacht. Götsche: „Vor zwei Jahren haben wir hier aber sogar eine Mausohrfledermaus entdeckt, das war der erste Nachweis seit mehr als 20 Jahren außerhalb der Segeberger Höhlen.“

Die Fledermäuse nutzen die Quartiere, um sich bei Frost mit herunter gefahrenem Stoffwechsel über den Winter zu retten. „Die Hälfte der 15 in Schleswig-Holstein bekannten Arten nutzt solche unterirdischen Quartiere, weil es dort gerne feucht und nicht zu kalt ist“, berichtet Götsche. Den anderen Tieren reichen Baumhöhlen oder geschützte Hauswände, um zu überwintern.

Einmal im Jahr kommen die Fledermaus-Experten zur „Inventur“ in die Anlagen. Auch in den Stollen schräg gegenüber bei „Bäcker Heinz“ in Tesperhude. In der Stahltür gibt es einen kleinen Schlitz, der den Tieren ausreicht, um das ansonsten verborgene Refugium zu erreichen. Aus dem Stahlbeton ragen kleine Eisenhaken, an denen die Tiere sich anhängen. In dieser Haltung harren sie dann meistens vom ersten Frost im November oder Dezember bis in den April hinein aus. Etwa ein Viertel ihres Körpergewichts haben sich die Tiere im Herbst als Fettpolster am Bauch und im Nacken zugelegt, um davon zerren zu können.

In dem Stollen findet Götsche ein „Braunes Langohr“ und zehn Wasserfledermäuse. „Hier ist es besonders interessant, zu sehen, wie sich die Zahl der Tiere entwickelt hat. Nachdem wir lange Zeit nicht ein einziges Tier entdecken konnten und dann das erste Tier da war, stieg deren Zahl in den Folgejahren auf etwa acht bis 15 pro Jahr. Das Quartier scheint sich dann wirklich herumzusprechen“, sagt Götsche. Jetzt zählte er elf Tiere in dem ehemaligen Luftschutzbunker und war zufrieden. Aufgrund seiner explosiven Geschichte bietet Geesthacht viele Unterkünfte.

„Solche Trümmergebäude, wie die nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörten Bunker- und Produktionsanlagen der Dynamitfabrik, sind ideal für die Fledermäuse“, weiß Bahr. Der Nabu hatte zwar auch in den Besenhorster Sandbergen solche Quartiere eingerichtet, die Betreuung wegen zunehmender Zerstörungen durch Fremde aber aufgegeben.“Immer mehr Schatzsucher erkunden heute alte Bunker- und Fabrikanlagen und stören dann die dort untergekommenen Fledermäuse“, sagt Matthias Götsche. Werden die Tiere aufgeschreckt, verbrauchen sie in einer Stunde so viel Energie wie sonst innerhalb einer ganzen Woche Winterschlaf.