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Student Christopher Jenss informierte mit einem Megafon im Hörsaalgang der Leuphana seine Kommilitonen über Mikroplastik in Wasser und Nahrungsmitteln. Foto: t&w
Student Christopher Jenss informierte mit einem Megafon im Hörsaalgang der Leuphana seine Kommilitonen über Mikroplastik in Wasser und Nahrungsmitteln. Foto: t&w

Plastikteilchen ein „Ekelfaktor“

mm Lüneburg. Von einem Ekelfaktor spricht Student Christopher Jenss. Der 23-Jährige meint Polyethylene, also Mikroplastiken, im Wasserkreislauf. Recht unappetitlich ist es, wenn diese in Getränken oder Nahrungsmitteln landen. Niemand hat gerne Plastik in seinem Kaffee oder auf dem Frühstücksbrötchen. Über Kosmetika gelangen die unsichtbaren Plastikkügelchen in den Wasserkreislauf, dann in die Nahrung. Sie könnten gesundheitsgefährdend sein, sagt Jenss.

Für eine wissenschaftliche Untersuchung nahm Prof. Gerd Liebzeit von der Universität Oldenburg 19 Honigproben lokaler Supermärkte unter die Lupe, Ergebnis: 150 Mikroteilchen Plastik wurden pro Kilogramm angezeigt. Die Teilchen seien über Regenwasser auf Blüten gelangt, mit Pollenkit hätten sie dann die Bienen aufgenommen. Eine studentische Projektgruppe an der Leuphana Universität Lüneburg, der Jenss angehört, fordert nun durch eine Petition ein Verbot von Reinigungsplastik in Kosmetikartikeln. Jetzt warben die Aktivisten im Hörsaalgebäude um Unterstützung.

Peelings, Zahnpasta oder Duschgels könnten Auslöser für die Verunreinigung von Wasser durch Kügelchen sein, deren Durchmesser liegt unter 0,5 Millimeter. In vielen Kläranlagen können sie nicht gefiltert werden. So gelangen die Teilchen in den Wasserkreislauf. In Klärschlamm, der als Düngemittel auf die Felder gestreut wird, finden sie sich ebenso. „Bisher gibt es für Kosmetikhersteller keine Grenzwerte. Das Bundesumweltministerium setzt auf Zusammenarbeit mit den Firmen, die freiwillig auf das Plastik in Kosmetik verzichten wollen“, sagt Jenss. Dazu Nicole Scharfschwerdt, Sprecherin des Bundesumweltministeriums: „Das Thema wird derzeit auf Arbeitsebene zwischen Umweltministerium und den zuständigen Kosmetikunternehmen intensiv diskutiert. Ein erstes Fachgespräch hat am 28. Oktober 2013 stattgefunden. Es gibt eine übereinstimmende Einschätzung des Bundesumweltministeriums und der Industrie, dass es eines zeitnahen freiwilligen, möglichst europaweiten Ausstiegs aus der Verwendung von Mikroplastik bedarf. Zahlreiche Ankündigungen von Hauptakteuren zum freiwilligen Ausstieg liegen bereits vor.“

Dass Kosmetikhersteller bisher nach freiem Ermessen entscheiden können, wie hoch der Plastikanteil in ihren Produkten ist, bestätigt Elena Bartels, Sprecherin des Landkreises Lüneburg. Die Plastik-Problematik sei bekannt. „Es liegen jedoch keine Erkenntnisse vor, dass die Rückstände als gesundheitsgefährdend einzustufen sind.“ Das belege die Gefährdungsbewertung des Bundesinstituts für Risikobewertung, auch das Niedersächsische Landesgesundheitsamt erkenne keine Gefahr. Vom Bundesumweltministerium heißt es: „Die Auswirkung von Mikroplastikpartikeln auf Umwelt und Gesundheit, nachdem sie in Gewässer gelangt sind, ist noch nicht geklärt. Das Bundesumweltministerium arbeitet mit Hochdruck an der Erhebung einschlägiger Daten und Informationen, um etwaige Entscheidungen auf sicherer Grundlage fällen zu können.“

Die Arbeitsgruppe verteilte an der Uni 200 Gratis-Becher Kaffee und Tee, wollte zeigen, dass Getränke Plastik enthalten können. Anna Wagner präsentierte einen „Verursacher“ und verdeutlichte, was in einer Tube Zahnpasta der Marke Pearls Dents an Plastik steckt: Von 75 Millilitern seien zehn Prozent Plastik. Bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von vier bis fünf Tuben kämen um die 40 Milliliter Polyethylene zusammen: „So viel Plastik steckt in zwei Playmobilfiguren.“ Die Kosmetikhersteller verwendeten den Kunststoff als „billiges Füllmittel“.

Die Gruppe, zu der auch Linda Uhr, Malte Böhnke, Corinna Höhne, Rebecca Pooker und Janne Trisha Carstens gehören, sammelte Unterschriften für ihre Petition. Noch ist die Unterschriftenaktion ein Uni-Projekt im Rahmen des Seminars „Digital Demonstration“. Doch Wirtschaftspädagoge Jenss ist überzeugt: „Die Diskussion wird jetzt losgehen.“ Dann wollen die Studenten nachlegen. Für ihre Petition sammeln sie auch im Internet Unterschriften unter: http://chn.ge/19EMqdi.