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Der Wolf hat seit Jahrhunderten mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Foto: A/t&w
Der Wolf hat seit Jahrhunderten mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Foto: A/t&w

Die Verwandlung +++ Mit Video eines Wolfrudels bei Amelinghausen

Von Dennis Thomas

Lüneburg. „Es gibt nichts Gutes an diesem Tier außer seinem Fell, das man zu groben Pelzen verarbeiten kann.“ Mit dieser zweifelhaften Einschätzung eines „Mitbegründers der modernen Zoologie“ von 1758 über den Wolf beginnt der Historiker Gerd van den Heuvel seinen wissenschaftlichen Aufsatz über „Wolfsjagden in Niedersachsen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert“. Darin führt er auch Beispiele aus der Lüneburger Heide an, als einst Amtsmänner zur Selbsthilfe aufriefen und zur Jagd auf den Wolf bliesen. Dass der Wolf eine historische Hypothek vom Menschen aufgeladen bekommen hat, macht auch Biologin und Wolfsexpertin Britta Habbe im LZ-Gespräch deutlich. Dabei spielten vier wesentliche Faktoren in der Geschichte eine Rolle: Die damalige Verbreitung der Tollwut unter Wölfen, die Dämonisierung des Tieres im Zuge der Christianisierung, die jagdlichen Bedürfnissen der Landesherren sowie die realen Existenz­ängste der Bauern.

Das Bibel-Bild vom guten Hirten und dem bösen Wolf hat sich tief ins kulturelle Bewusstsein gebrannt. Galt der Wolf laut Habbe etwa bei manch heidnischen Kulturen noch als Symbol der Stärke, hielt der Wolf im Zuge der Christianisierung endgültig als Projektionsfläche für das Schlechte hin, als „Abart der Schöpfung, als Geißel Gottes für den Menschen wie für die übrigen Tiere“, kons­tatiert auch van den Heuvel in seinem Aufsatz.

Schaurig lesen sich so manche historische Quellen, die van den Heuvel zitiert, etwa wenn er von der Wolfsplage im Fürstentum Lüneburg schreibt, die gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges im Winter 1647 überhand nahm. Demnach berichteten Amtsmänner von Rudeln von 20 bis 30 Tieren, die durch die Dörfer zogen und in Viehställe einbrachen, sogar Menschen attackiert und verletzt hätten. Als Konsequenz wurden drei Wolfsjagden im Grenzgebiet der Fürstentümer Lüneburg und Wolfenbüttel durchgeführt, 14 Wölfe erlegt und drei weitere schwer angeschossen. Es waren nicht die einzigen. Van den Heuvel hält fest: „Mehr als 250 alte und mehr als 450 junge Wölfe wurden allein im Fürstentum Celle in den Jahren 1642 bis 1647 bei offiziellen (…) Streifjagden totgeschlagen oder erschossen.“
Die angegebene Zahl von 20 bis 30 Tieren pro Rudel hält indes nicht nur Britta Habbe aus biologischer Sicht für übertrieben. „Normalerweise ist ein Rudel eine Wolfsfamilie, bestehend aus dem Elternpaar mit seinem Nachwuchs der letzten zwei Jahre.“ Realistisch sei daher eine Anzahl von bis zu 14 Tieren. Und: „Wölfe brechen nicht in Ställe ein. Dass sie aber auf ungeschützte Nutztiere gehen, ist klar.“ Und darin war wohl damals eher die Angst vor dem Wolf begründet als heute.

Habbe: „Der Wolf war zur damaligen Zeit ein Konkurrent für den Menschen, seitdem der Mensch begann, sesshaft zu werden, Viehzucht zu betreiben und Wälder für den Ackerbau abzuholzen. Der Wolf hatte weniger Wald, um sich zurückzuziehen und auch weniger Wild, weil das vom Menschen stärker bejagt wurde. Dann orientieren sich Wölfe auch an anderen Nahrungsquellen, zum Beispiel an Schafen. „Und wenn der Bauer mit seinen fünf Kindern und der Oma über den Winter kommen musste, dann konnte schon ein einziges vom Wolf gerissenes Schaf Existenznöte auslösen. Das ist heute anders.“ Während etwa Bauern von der Landesherrschaft nicht einmal erlaubt war, ein Kaninchen zu fangen, so durfte der Wolf hingegen ungestraft erschlagen werden. Das hatte auch den Nebeneffekt, dass für die Landesherren mehr Wild zum jagen blieb. Seit 1850 galt Deutschland als weitgehend wolfsfrei.

Unabhängig von der Wolfsjagd – die mit der Zeit eine zunehmende Professionalisierung erfahren hatte, etwa mit sogenannten Wolfsgruben oder Wolfsgärten, in die die Wölfe mit Ziegen oder Kadavern gelockt wurden, um sie dann einzusperren und zu erschießen – hielten sich „in der dörflichen Lebenswelt“ Aberglauben wie Werwolfsfantasien noch bis ins 19. Jahrhundert. Es ist anzunehmen, dass Schauergeschichten von den reißenden Bestien auch aus Frankreich herrühren, wo im 18. Jahrhundert in manchen Gebieten möglicherweise mit Tollwut infizierte Wölfe ihr Unwesen trieben.

Habbe: „Wenn Wölfe auf den Menschen gegangen sind, ist das vor allem auf tollwütige Tiere zurückzuführen.“ In Deutschland gilt die Tollwut aber seit 2008 als besiegt. Habbe: „Insofern ist die Gefahr durch tollwütige Wölfe heutzutage als sehr gering anzusehen.“ Und auch für die damalige Zeit hält van den Heuvel fest: „Wenn Menschenverluste im Zusammenhang mit Wölfen in den Akten auftauchen, handelte es sich in der Regel um Jagdunfälle, die von Menschen verursacht waren.“

Mehr zur Geschichte des Wolfes lesen Sie in der Wochenendausgabe der Landeszeitung.

 

Reppenstedter filmt Wölfe bei Amelinghausen

dth Reppenstedt/Diersbüttel. Zuerst dachte Lkw-Fahrer Michael Wilke aus Reppenstedt am Mittwochmorgen, er sei gemeint, als ihm der Pkw mit Lichthupe langsam auf der Landesstraße 234 zwischen Diersbüttel und Wettenbostel in der Samtgemeinde Amelinghausen entgegenkam. Doch als auch er langsamer wurde und schließlich anhielt, sah er ein achtköpfiges Wolfsrudel, „wie es gemächlich von rechts nach links über die Straße trabte. Ich war von dem Moment sehr ergriffen.“ Und dann griff er zur Handykamera und filmte die Wölfe, wie sie in einiger Entfernung über das verschneite Feld in Richtung Wald liefen.

7 Kommentare

  1. Der Wolfsreport für Januar

    In Elsterheide bei Hoyerswerda wurden am vergangenen Sonntag ein Lamm sowie mindestens sieben Geißlein von einem bislang nicht identifizierten Raubtier gerissen. Der Halter der Tiere geht von einer Wolfsattacke aus. Er solle sich „mal nicht so anstellen! Dieser Generalverdacht gegen unsere Wölfe ist übelste mittelalterliche Hetze“, kommentierte ein Sprecher des Verbandes Wolfsregion Lausitz das Geschehen. +++ Der Zivilprozeß zwischen einem Ansbacher Rentner und den Wolfsfreunden Bayern e.V. ist mit einem Vergleich zu Ende gegangen. Der 71jährige hatte im Herbst 2013 beide Beine verloren, nachdem der Verein versucht hatte, ein Wolfsrudel im Wintergarten des Mannes auszuwildern. Der Kläger darf nun seine übrigen Gliedmaßen behalten, muß aber binnen Monatsfrist einen Schweinestall aus Stroh und einen aus Holz errichten. +++ In Thüringen hat ein Wolf eine fahrlässig im Wald spielende Kindergartengruppe zerfleischt. Den Eltern der Kinder droht jetzt ein Verfahren wegen „Störung des Speiseplans eines Wolfes“ (§71 WolfGB). +++ Aus der Chiemgaustraße 41 in München wurden zum wiederholten Male wolfskritische Äußerungen gemeldet. Die Einwohner der Chiemgaustraße werden nun gebeten, sich am Montag um 6.30 Uhr vor ihren Häusern einzufinden; sie werden dann abgeholt. +++ Kinotip: Den Film „The Wolf of Wall Street“ hat der Wölfische Beobachter mit 5 von 5 Großmüttern bewertet. Prädikat: „Zum Heulen!“

    • Wie wir wissen, frisst der Wolf nur Alte, Kranke und Behinderte, die sich fahrlässig zur Erholung im Wald bewegen. Manchmal frisst er auch gesunde Kinder, die zu diesem besonderen Zweck im Wald ausgesetzt wurden. Es soll auch vorkommen, dass sich eine Wolfsmutter erbarmt und solche Kinder groß zieht. Dies wissen wir von Romulus und Remus.

  2. Hat der Wolf den Videofilmer gefressen, oder warum finde ich das Video hier nicht?

  3. Danke für das Video!
    An dem vorangegangenen Kommentar fehlt eigentlich das es auch streunende Hunderudel gab, die ja kein Angst vor den Menschen hatten und sich in de Nähe trauten

    s.H.
    Wo der Wolf läuft wächst der Wald

  4. Danke für das tolle Video! Willkommen Wolf!

  5. DANKE für das tolle spontane Video! Wäre gern dabei gewesen! Ein Traum so eine Begegnung! Und mit gutem Willen klappt das schon…..Das ist eine phantastische Einstellung! Bedenkenträger hat D schon genug!

  6. In Deutschland wird der explosive Anstieg der Wolfspopulation durch die hohen Bestände an Schalenwild ermöglicht. Nach dem Zusammenbruch der Schalenwildpopulation bleiben hungrige Wölfe übrig.
    You can ignore reality, but you cannot ignore the consequences of ignoring reality.
    B.K.