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Prof. Dr. Michael Epkenhans: Es ist fraglich, ob die Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs noch wahrgenommen werden. Aber es ist nötig. Foto: be
Prof. Dr. Michael Epkenhans: Es ist fraglich, ob die Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs noch wahrgenommen werden. Aber es ist nötig. Foto: be

Das Ende der beschaulichen Welt

Von Joachim Zießler
Lüneburg. Ihr eigener Ehrenoberst war der erste Gegner der Lüneburger Dragoner im Ersten Weltkrieg: König Albert von Belgien. Im Frieden hatte er die Lüneburger Kaserne oft besucht. Im Krieg war er nun der Feind und das, obwohl das Kaiserreich mit Belgien überhaupt keinen Konflikt hatte. Doch der Schlieffen-Plan sah den Bruch der belgischen Neutralität vor, um Frankreich überraschen und schnell niederwerfen zu können. Anschließend sollten die deutschen Divisionen die Armee des Zaren besiegen. So erzwang die große Strategie im kleinen Lüneburg bereits in den ersten Kriegstagen, dass die stolzen Kavalleristen ihr soldatisches Ehrgefühl in den Schmutz treten mussten. Die vier Jahre währenden Stahlgewitter erschütterten sogar im beschaulichen Wittorf, das weit entfernt von allen Fronten war, die gesellschaftlichen Grundfesten. Wie die „Urkatastrophe“ über die Region Lüneburg kam, zeigte nun der renommierte Weltkriegsexperte Prof. Michael Epkenhans in einem packenden Vortrag auf.

Der Museumsverein hatte den in Bardowick lebenden Leiter der Abteilung Forschung im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam eingeladen. Nur durch zusätzliche Stühle konnte der Huldigungssaal des Rathauses alle Interessierten aufnehmen. Sie bekamen Klartext und tiefe Einsicht geboten.

Klartext: Epkenhans widerspricht dem australischen Historiker Christopher Clark und dem Berliner Politologen Herfried Münkler, die die Verantwortung für den Krieg nahezu gleichmäßig auf alle damaligen europäischen Großmächte verteilen. „Ausschlaggebend waren vor 100 Jahren die Entscheidungen Wiens und Berlins. Die Österreicher wollten den Krieg, die Deutschen nahmen den Ball auf.“

Einsicht: Der renommierte Militärhistoriker präsentierte kein Psychogramm der Staatenlenker, sondern eines der Gelenkten. „Es floß manche Träne“, notierte der Wittorfer Lehrer Ernst Lühr, als am 1. August die Mobilmachung verkündet wurde. In seiner Schulchronik vermerkte er den Marine-Artilleristen, der zu den Fahnen eilte, ohne sich von seinen Eltern zu verabschieden, die auf dem Feld die Ernte einbrachten: „Pflichtgefühl“. Die „Lüneburgschen Anzeigen“ berichteten nur von vereinzelt vor Kasernen erklingenden Kriegsliedern und Hurra-Rufen. Epkenhans: „Trotz aller patriotischen Leidenschaft, gab es keine Sehnsucht nach Krieg.“

Die Menschen ahnten in dem wunderschönen Sommer 1914 das kommende Unheil. Ende Juli kam es zum Sturm auf die Konten bei den Sparkassen. „Der Bardowicker Dom war nie voller als jetzt“, notierte Ernst Lühr. Er selbst fiel 1915. Auf den Schulbänken waren Lücken zu sehen: 13 Lehrer und 65 Primaner des Johanneums hatten sich freiwillig gemeldet. Die Reden des Rektors am Sedantag (2. September) enthielten von Jahr zu Jahr mehr Durchhalteparolen. Gold- und Silbermünzen, Kirchenglocken und Orgelpfeifen wurden eingesammelt. Lebensmittel wurden rationiert, Kuchenbacken verboten. Der Lehrer prangerte den Wucher der Bauern an, die eine Mark für vier Eier forderten. Die Menschen hungerten. 24 Wittorfer fielen, ein hoher Blutzoll für einen 600-Seelen-Ort. Der nahe Tod lockerte die Sitten. Von 15 Geburten in Wittorf waren 4 unehelich, monierte der Lehrer.

Das Leid wurde öffentlich. So wie die Todesanzeige des Soldaten August Isenberg, der an einem Schuss in den Hinterkopf starb. Oder die vielen Verstümmelten. Die Feldpost trug das Grauen in die Heimat 80 Briefe täglich allein aus und für Wittorf.

Der Rückhalt für das Kaiserreich schwand. Im November 1918 stellte ein revolutionärer Soldatenrat ein Maschinengewehr vor dem Lüneburger Rathaus auf doch niemand wollte mehr für den Kaiser kämpfen.

Klartext sprach Prof. Epkenhans auch zur Debatte um das Dragoner-Denkmal: „Sicherlich hat das Nazi-Regime das Erinnern missbraucht. Aber ein Abreißen des Denkmals als Gedächtnisort wäre nicht klug. Man würde den Toten ihre Stimme nehmen, die für den Missbrauch ihres Andenkens nichts können.“