Dienstag , 27. September 2016
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Jahrelang hat es Johann Fehlhaber als Milchbauer schwer gehabt, jetzt haben sich die Milchpreise so weit erholt, "dass wir endlich wieder Geld verdienen“, sagt er. Foto: t&w
Jahrelang hat es Johann Fehlhaber als Milchbauer schwer gehabt, jetzt haben sich die Milchpreise so weit erholt, "dass wir endlich wieder Geld verdienen“, sagt er. Foto: t&w

Der neue Milchdurst

off Wittorf. Johann Fehlhaber steht in der Melkkammer und klopft mit der Hand auf die Edelstahlwand des Milchtanks. Das Geräusch klingt hohl, der Molkereiwagen ist erst vor wenigen Stunden vom Hof gefahren, an Bord die Milch der letzten zwei Tage. Wie viel Fehlhaber daran verdient, ist in der Öffentlichkeit seit Jahren Thema. Erst, weil es so wenig war. Jetzt, weil es angeblich so viel ist. Seit Monaten steigen die Milchpreise. Zeitungen schreiben vom „weißen Gold“. Und auch Fehlhaber sagt: „Endlich kommt Geld rein.“ Doch mit 31 Jahren ist der Wittorfer lange genug Milchbauer, um zu ahnen: der nächste Preisabsturz kommt. Also sorgt er vor, statt goldene Zeiten zu feiern. Bezahlt, was er in den letzten Jahren nicht bezahlen konnte. Melkt weiter und versucht sich vorzubereiten – auf eine Zukunft zwischen Boom und Krise.

Gut 40 Cent erhält Johann Fehlhaber aktuell für einen Liter Milch. 26 Cent waren es vor einem Jahr. 18 Cent vor fünf Jahren. Dass die Molkerei für den Liter Milch mehr als 40 Cent bezahlt hat, ist mittlerweile sieben Jahre her. Gut verdient haben die Bauern an ihrer Milch nach 2007 nicht mehr, „auf den Höfen herrscht ein riesiger Investitionsstau“, sagt Urte Rötz, Geschäftsführerin der Norddeutschen Milcherzeugergemeinschaft. Einen Preis von 40 Cent pro Liter Milch hält sie für lange überfällig. „Auch wenn wir damit von goldenen Zeiten noch weit entfernt sind.“ Gut aufgestellte Betriebe könnten zwar endlich Geld verdienen, „aber der Durchschnittsbetrieb deckt gerade mal die Kosten“.

Wie viel Milchbauern verdienen müssten, um ihre Kosten zu decken, darüber streitet die Branche. Nach einer neuen Studie im Auftrag des European Milk Board muss ein Landwirt in Norddeutschland mindestens 43 Cent pro Liter Milch bekommen. Aus Molkerei- und einigen Bauernkreisen heißt es, dass es auch mit weniger geht. Fehlhaber hat beim Stallneubau 2006 seine eigene Rechnung gemacht. Konkrete Zahlen will der 31-Jährige nicht nennen, „doch zu jammern gibt es aus meiner Sicht bei den jetzigen Preisen nichts“, sagt er.
Bleibt die Frage: Wie lange hält der Boom? Mindestens ein Jahr noch, hofft Johann Fehlhaber. Einige Monate auf jeden Fall, sagt der Branchenkenner und Sprecher des Milchindus­trieverbandes (MIV), Björn Börgermann. Unterdessen warnt der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), die große Exportnachfrage könnte nur von kurzer Dauer sein. Und tatsächlich: Vieles an der aktuellen Situation erinnert an 2007. Als auf ein kurzes Preishoch ein Absturz in die Krise folgte.

Genauso wie heute war die Preisentwicklung 2007 getrieben vom Export. Damals titelten die Zeitungen: „Chinas Milchdurst treibt die Preise hoch.“ Und auch jetzt verdanken die deutschen Milchbauern Preise von 40 Cent und mehr pro Liter unter anderem der gestiegenen Nachfrage aus China.

Seit 2007 hat sich der Export deutscher Trinkmilch ins Land der Mitte laut MIV vertausendfacht, bis zu 3,50 Euro zahlen Chinesen für einen Liter Milch – vorausgesetzt sie kommt aus dem Ausland. Doch nicht nur in China, „auch in Nordafrika, Südamerika und in den europäischen Nachbarländern ist die Nachfrage nach deutschen Milchprodukten gestiegen“, sagt Börgermann. Gleichzeitig stärke die gute Exportsituation die Verhandlungsmacht der Molkereien gegenüber dem deutschen Einzelhandel. Mit dem Ergebnis: „Die Marktsituation ist recht stabil.“ Obwohl die Inlandsnachfrage seit Jahren sinkt.

Ähnlich positiv klang es für die Milchbauern auch 2007. Trotzdem ist MIV-Sprecher Börgermann überzeugt: „Die heutige Situation ist mit 2007 nicht zu vergleichen.“ Damals sei die weltweite Wirtschaftskrise mit schuld am Preisverfall gewesen, „damit ist aktuell nicht zu rechnen“. Als Vertreter der Indus-trie sieht er im wachsenden Export eine Chance. Der BDM hingegen fürchtet die Abhängigkeit von sich schnell verändernden Märkten – und erneute Preisabstürze wie 2008.

Johann Fehlhaber und seine Berufskollegen treibt unterdessen noch eine ganz andere Frage um: Wie wird der Markt das Ende der Milchquote im April 2015 verkraften? Seit mehr als 30 Jahre diktiert das System den Bauern, wie viel Milch sie produzieren dürfen. Wer mehr Milch liefert, muss Strafe zahlen. Zumindest noch. In gut einem Jahr dürfen die europäischen Bauern so viel melken, wie sie wollen. Was das bedeutet, darüber streiten die Bauern.

Während die Einen vor Überproduktion und Preisverfall warnen, sehen andere den freien Markt als Chance. Johann Fehlhaber erwartet, „dass sich gar nicht so viel ändert“. Schon jetzt seien die Grenzen des Wachstums vielerorts erreicht, „sind die Kapazitäten an Flächen erschöpft“.

Sollten die Milchpreise 2015 dennoch ein weiteres Mal einbrechen, will der Wittorfer vorbereitet sein. Und das heißt für ihn: „Wir stopfen Löcher, tauschen alte Maschinen gegen neue aus, um teure Reparaturkosten in der nächsten Krise zu vermeiden.“ Ob das Preishoch dafür lange genug anhält, entscheidet der Weltmarkt. Weit weg von seinem Stall im Grünen mit den 250 Milchkühen. Doch Johann Fehlhaber gehört zu den Optimisten unter den Landwirten. Er glaubt an seine Zukunft als Milchbauer, irgendwo zwischen Boom und Krise.

Fakten zum Milchvieh

Seit Jahren sinkt die Zahl der Milchviehbetriebe in Niedersachsen, während die Kuhbestände auf den Höfen wachsen. Auch vor dem Kreis Lüneburg hat der Trend nicht Halt gemacht: Von 361 Betrieben mit Milcherzeugung im Jahr 1991 sind nach Angaben der Landwirtschaftskammer 2012 nur noch 112 übrig geblieben. Gleichzeitig ist die Zahl der Milchkühe pro Betrieb von 23 auf 95 gestiegen. Wachstum, das laut Kammer nicht auf die guten Verdienstmöglichkeiten in der Milchviehhaltung zurückzuführen sind. Im Gegenteil: Grund für den Wachstumskurs ist laut Kammer „ein ständig niedriger, in den letzten 30 Jahren niemals dauerhaft gestiegener Milchpreis“. Die Gesamtzahl der Milchkühe im Landkreis Lüneburg lag 2012 laut Landwirtschaftskammer Niedersachsen bei 10 690 Tieren, 1991 waren es 8225. Ebenfalls gestiegen ist die Milchanlieferung. 1991 waren es im Landkreis 42 250 Tonnen Milch pro Jahr, 2012 bereits 78 115 Tonnen. Pro Betrieb ist die Liefermenge gestiegen von 117 Tonnen im Jahr 1991 auf 697 Tonnen 2012, pro Kuh von 5137 im Jahr 1991 auf 7307 Kilogramm in 2012.

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