Aktuell
Home | Lokales | Zehn Jahre Facebook: Hat das Netzwerk ausgedient?
424769_

Zehn Jahre Facebook: Hat das Netzwerk ausgedient?

jae Lüneburg. Der blaue Daumen wirkt unnatürlich, etwas zu kantig, wenn man genau hinschaut. Und trotzdem hat das „Gefällt-mir“-Symbol von Facebook einen Bekanntheitsgrad, das seinesgleichen sucht. Als Facebook am 4. Februar 2004 online ging, hat wohl niemand geahnt, dass das virtuelle Freundschaftsbuch zehn Jahre später eine der am häufigsten besuchten Websites der Welt ist. Längst gehören Begriffe wie „Likes“ und „Shares“ zum Sprachgebrauch einer ganzen Generation. Weit mehr als eine Milliarde Nutzer zählt das Netzwerk zu seinem zehnten Geburtstag.

Doch pünktlich zum Jubiläum häufen sich die Unkenrufe: Facebook sei uncool ist in der Presse häufig zu lesen. Gerade die jüngeren Nutzer würden sich mehr und mehr von Facebook abwenden. In einer Studie der Princeton University in New Jersey sagten die Forscher nun voraus, dass Facebook zwischen 2015 und 2017 mehr als 80 Prozent seiner Nutzer verlieren würde. Ihrer Studie legten die Forscher eine Formel zu Grunde, die zur Berechnung der Verbreitung und des wieder Verschwindens hoch ansteckender Krankheiten genutzt wird. Wir haben bei den Lünburgern nachgefragt: Ist Facebook noch cool?

FBUmfrage
Bernhard Nack (26) hat sich letztes Jahr bei Facebook abgemeldet. Zu viel Spam sei der Grund gewesen. „Man hat mit den meisten Leuten nicht viel zu tun. Den persönlichen Kontakt finde ich schöner.“ Stattdessen kommuniziert der 26-Jährige lieber über WhatsApp mit seinen Freunden.
FBUmfrage1
Rebekka Ralf (17) ist bei Facebook angemeldet, nutzt das Netzwerk aber kaum noch. „Es gibt ja WhatsApp“, sagt die 17-Jährige als Begründung. Außerdem seien immer weniger ihrer Freunde bei Facebook.
FBUmfrage2
Florian Scharf (18) ist seit einem Jahr bei Facebook. Statt Facebooknachrichten, schreibt er aber viel lieber SMS. „Aus meiner Klasse sind nicht mehr ganz so viele wie früher bei Facebook“, sagt er. Dass es das Netzwerk irgendwann gar nicht mehr gibt, kann sich der 18-Jährige aber nicht vorstellen.
FBUmfrage3
Melina Süß (18) ist nur noch selten bei Facebook. „Da ist nicht mehr viel los, man wird nur noch zugespamt“, sagt sie. Für Facebook geht es „steil bergab“ glaub die 18-Jährige.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FBUmfrage4
Lasse Hartmann (17) und Bantje Blanck (18) sind seit rund vier Jahren Facebook-Nutzer. „Am Anfang fand ich es toll, jetzt ist es nur noch unnötig“, findet Bantje. Sie nutze Facebook sowieso nur noch, wenn ihr langweilig sei und „irgendwann kommt bestimmt eine bessere Internetseite“. Lasse Hartmann glaubt, dass seine Generation wegen der Arbeit kaum noch Zeit für Facebook hat.

BernardIn Lüneburg ist Dr. Andreas Bernard der Experte, wenn es um soziale Netzwerke geht. Der promovierte Kulturwissenschaftler ist Sprecher des Centre for Digital Cultures (Zentrum für Digitale Kulturen) an der Leuphana Universität und setzt sich mit der Entwicklung sozialer Netzwerke wie Facebook auseinander. „Was mich an Facebook am meisten interessiert, ist, wie es in Windeseile ein neues Menschenbild geschaffen hat, bei dem es fortwährend darum geht, sich möglichst originell zu präsentieren“, sagt Andreas Bernard.

Wer sich vor 15 Jahren ein Image bilden wollte, habe nur sehr begrenzte Möglichkeiten gehabt, so Bernard. So sei es etwa der kleine Sticker am Rucksack oder ein Pamphlet am schwarzen Brett der Schule gewesen, das zur eigenen Außenwirkung beitrug. Seit Facebook gelten jedoch ganz neue Regeln der Selbstdarstellung: „Heute lebt jeder in einer semi-öffentlichen Sphäre. Vor wenigen Jahren war das nur einer elitären Gruppe von prominenten Menschen vorbehalten“, so Andreas Bernard.

Dabei wurde der Begriff des Profils, so wie ihn Facebook auch für die einzelnen Nutzerseiten verwendet, lange Zeit von den Merkwürdigkeiten der Menschen her gedacht. „Wenn ein psychiatrischer Patient eingeliefert oder jemand in Polizeigewahrsam kam, wurde ein Profil über den Menschen angelegt“, sagt Andreas Bernard. Längst habe sich das Profil eines Menschen jedoch von einem erkennungsdienstlichen Mittel in ein eher spielerisches Verständnis von Kommunikation umgewandelt. „Polizeitechniken sind in fröhliche Freiwilligkeit umgeschlagen“, so Andreas Bernard.

Aber wieso ist Facebook so erfolgreich? Andreas Bernard: „Ich glaube, dass der Erfolg von Facebook mit der tiefen Lust der Menschen zu tun hat, sich im besten Licht zu präsentieren.“ Das Gefühl, sozial integriert zu sein, spiele dabei eine wichtige Rolle. Wer früher ein bis zwei Mal am Tag auf seinen Anrufbeantworter schaute, könne mit Facebook alle 10 Sekunden das schöne Gefühl erleben, dass andere an einem interessiert sind, meint der 44-Jährige.

Ob mit einem Foto des Frühstücks, dem aktuellen Standort oder den intimsten Gefühlslagen – Jeder der sich mitteilen möchte, hat auf Facebook die Möglichkeit dazu. Glaubt man den Schlagzeilen der letzten Wochen, wollen das aber immer weniger. „Mit Prognosen muss man vorsichtig sein, aber ich glaube, am zehnten Geburtstag ist Facebook vielleicht schon auf dem absteigenden Ast“, sagt Andreas Bernard. Gerade den Facebook-Nutzer, die älter als 20 Jahre sind, sei das Design des Netzwerks oft zu voll, mit zu vielen Informationen belastet. „Ich glaube, dass diese Anhäufung dichter Biographien wieder zurückgeht. Die Art des Selbstdesings wird punktueller und fokussierter, zum Beispiel auf Twitter oder WhatsApp. Sie verschiebt sich noch mehr auf den Augenblick.“