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Jung, zielstrebig und bildungshungrig: Die Russinnen Alexandra Eliseeva (l.) und Margarita Mikhaltsoca entschieden sich bewusst für ein Studium an der Leuphana. Foto: be
Jung, zielstrebig und bildungshungrig: Die Russinnen Alexandra Eliseeva (l.) und Margarita Mikhaltsoca entschieden sich bewusst für ein Studium an der Leuphana. Foto: be

Zuhause ist weit weg

mm Lüneburg. Nicht etwa USA, Australien oder Schweden — Deutschland ist derzeit für Bildungshungrige, die im Ausland studieren wollen, erste Wahl. Das geht aus dem Bericht „Ausländische Studierende in Deutschland 2012“ hervor, den das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellte. Danach ist für 61 Prozent der befragten Studenten Deutschland erste Wahl gewesen, drei Jahre zuvor waren es nur 47 Prozent. Was zieht die Studenten nach Deutschland? Als führende Wirtschaftsmacht in Europa gewinnt es immer mehr an Attraktivität, doch auch andere Faktoren spielen eine Rolle. So auch für Bildungsausländer an der Leuphana Universität. Die Russinnen Alexandra Eliseeva und Margarita Mikhaltsova berichten, warum sie unbedingt nach Deutschland wollten und was ihnen an der Lüneburger Universität besonders gut gefällt.

An der Leuphana studieren derzeit 325 Bildungsausländer, 71 von ihnen sind in einem Bachelor- oder Masterstudiengang eingeschrieben, den übrigen Anteil machen Promovierende und Austauschstudenten aus. Die 24-jährige Margarita studiert im dritten Semester Rechtswissenschaft, sie hat auch schon ein Diplom aus Russland. Dort studierte sie in Rostow am Don. „Mein Abschluss wird hier in Deutschland nur teilweise anerkannt“, erzählt sie. Nach dem DZHW-Bericht hat sich die hiesige Anerkennungspraxis im Vergleich zum Jahr 2009 schon deutlich verbessert. Da wurden gerade einmal 60 Prozent der ausländischen Hochschulabschlüsse anerkannt, nun sind es schon 75 Prozent. Margarita möchte in Deutschland arbeiten, am liebsten als Anwältin in einer international ausgerichteten Firma. Dass ihr russisches Diplom hierzu nicht ausreicht, dafür hat sie Verständnis: „Ich habe ja russisches Recht studiert, damit kann ich hier wenig anfangen.“

Als sie nach Lüneburg zum Studieren kam, habe sie wenig Deutsch verstanden — das war im September 2012. Kaum vorstellbar, denn mittlerweile spricht Margarita schon fließend. Sie lernte schnell — auch weil sie gerne mit Leuten kommuniziere. Einen ersten Test Deutsch als Fremdsprache (TestDaF) habe sie allerdings nicht bestanden. Den benötigte sie jedoch als Zertifikat, um sich an einer Hochschule einschreiben zu können. Um den Test abzulegen, haben ausländische Studenten im Bachelorstudium ein Jahr Zeit, können so lange schon eingeschrieben sein. Margarita suchte eine Nachhilfelehrerin und wurde fündig. Eine Journalistin aus Hamburg gab ihr Sprachunterricht. Den nächsten Test schaffte sie. Margarita weiß noch, dass sie anfangs sehr unschlüssig war, ob sie eine mögliche Zulassung an der Leuphana überhaupt annehmen sollte. Als die dann kam, sei sie „überglücklich“ gewesen. „Ich dachte, wenn die Uni mich annimmt, kann ich es schaffen.“

Jetzt im dritten Semester fühlt sie sich richtig aufgehoben, auch weil sie einen „erstklassigen“ Deutschkursus belegen konnte und sie schon einige Klausuren bestanden habe. Margarita schätzt „den guten Kontakt zu den Professoren, die vielen Tutorien und Lerngruppen“.

Das sei beispielsweise an der Uni Hamburg anders, weiß Studentin Alexandra aus eigener Erfahrung. Die 26-jährige BWL-Studentin stammt aus „Ischevsk, „da wo der Kalaschnikov-Erfinder herkommt“, berichtet sie. Vor drei Jahren kam sie nach Deutschland. Das sei immer geplant gewesen. Schon in der zweiten Klasse lernte sie Deutsch: „Es ist einfach das Größte“, sagt Alexandra. Bei einem Schüleraustausch lernte sie Lüneburg kennen. Für sie war klar, dass sie zurückkommen wollte, doch der Weg schien ihr zunächst verbaut. „Ich habe mich mehrere Male beim Deutschen Akademischen Austauschdienst beworben, ohne Erfolg.“ So entschied sich Alexandra, als Au-Pair nach Deutschland zu reisen. Sie landete in Hamburg, ihre Gastfamilie von damals besucht sie heute noch oft.

Nach ihrer Zeit als Au-Pair war sie Sprachstudentin am Studienkolleg: „Ich musste erst einmal lernen, wie das ganze System funktioniert“, erzählt sie. Dann begann Alexandra, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Allerdings sei ihr an der Uni Hamburg alles „zu unpersönlich“ gewesen. „Die Gruppen waren zu groß, es war schwierig, mit den Dozenten in Kontakt zu treten.“ Die technischen Prüfungen habe sie noch bewältigen können, auch weil sie in Russland schon Ingenieurwissenschaft studiert hatte. Bei BWL wollte es nicht so recht klappen.

Anders nun in Lüneburg. Ihr gefalle die familiäre Atmosphäre in kleineren Gruppen. Mit Mathe und Statistik komme sie gut klar, und die Stadt habe sie ohnehin schon lieb gewonnen.