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Die Kunst des schnellen Schreibens: Für die einen sind die Silben unlesbares Gekritzel, für die anderen geben sie ganze Debatten und wichtige Informationen wieder. Foto: A/t&w
Die Kunst des schnellen Schreibens: Für die einen sind die Silben unlesbares Gekritzel, für die anderen geben sie ganze Debatten und wichtige Informationen wieder. Foto: A/t&w

Spaß an der ,,Geheimschrift“

kre Winsen/Lüneburg. Franz-Josef Strauß beherrschte sie. Auch für Isaac Newton oder Bertholt Brecht waren die ,,geheimnisvolllen“ Silben und Zeichen allles andere als ein Buch mit sieben Siegeln. Drei Namen, drei bekannte Persönlichkeiten, die beweisen Stenografie war und ist nicht nur etwas für Sekretärinnen, die von ihren Chefs zum Diktat gebeten werden. Trotzdem, so scheint es, ist die Kurzschrift etwas in Vergessenheit geraten. Schuld daran ist wohl auch die moderne Bürotechnik. Warum Stenografie mühsam üben, wenn es auch Diktiergeräte gibt? In der Nachbarstadt Winsen allerdings, da gibt es noch einen regen Stenografenverein, der sich auch regelmäßig zum Stammtisch trifft. Die LZ war an einem Abend dabei gut vorbereitet mit Stenoblock und Stift. Dem Handwerkszeug des Journalisten. Immer noch.

,,Dass Sie damit noch arbeiten…“, staunt Ute Witzke, die lange Jahre die zweite Vorsitzende des Stenografenvereins war. Auch die anderen Mitglieder, die an diesem Abend zum Stammtischtreffen gekommen sind, schauen eher amüsiert. Wohl auch deshalb, weil sie im Block keine profesionelle Kurzschrift, sondern nur ,,Kritzelleien“ erkennen können.

Horst Grimm jedenfalls wäre mit so einer ,,Sauklaue“ niemals zu dem Job gekommen, den er lange Jahre mit viel Erfolg ausführte: Der 83-jährige war viele Jahre Parlaments-Stenograf im Kieler Landtag. Seine Aufgabe: Die Zwischenrufe aus dem Parlament mitzustenografieren. ,,Die Reden werden ja inzwischen alle aufgezeichnet“, erklärt Horst Grimm, die Zwischenrufe allerdings sind oft nur schwer zu verstehen.“ Gut, dass es deshalb Stenografen gibt, die die Reaktionen der Fraktionen aufschreiben und so für die Nachwelt erhalten.“ Bis heute gibt es deshalb trotz modernster Aufnahmetechnik die Parlamentsstenografen. Nicht nur in Kiel ,,auch im Bundestag“, weiß Grimm, der es in seinen besten Zeiten auf bis zu 280 Silben pro Minute brachte. Da könnten selbst Schnellsprecher wie TV-Moderator Dieter Thomas Heck den Stenografen-Profi nicht in Verlegenheit bringen.

Nun ist Kurzschrift aber nicht gleich Kurzschrift: ,,Wer ,Steno lernen möchte, beginnt mit der Verkehrsschrift“, erklärt Vorsitzende Luise Lorange, die hauptamtlich in der Kreisverwaltung des Landkreises Harburg arbeitet. ,,Mit der ist man etwa dreimal so schnell wie mit der gewöhnlichen Langschrift“, erklärt sie

Prima, aber was bitte ist Langschrift? ,,Als Langschrift bezeichnen wir die normale, ungekürzte Schreibschrift“, sagt Horst Grimm und schaut in den Block des LZ-Redakteurs ,,also das, was Sie versuchen zu schreiben…“.

Nach der Verkehrschrift kommt die sogenannte Eilschrift. Das sind dann schon ganze Wörte, die in Silben vereinfacht werden. Darauf folgt die Redeschrift und schließlich die Debattenschrift, sozusagen die Champions-League.

Mitglied im Winsener Stenografenverein ist auch Verena Scheer. Obwohl sie in keiner Verwaltung arbeitet, sagt sie: ,,Ich habe Stenografie schon immer toll gefunden, weil diese Schrift nicht jeder kann“, sagt die 54-Jährige.

In der Tat: Tun sich die meisten schon mit der deutschen Einheitskurzschrift schwer, die seit 1924 in Deutschland und in Österreich gilt, wird es bei den alten Kurzschriftsystemen Stolze-Schrey und Gabelsberger richtig kompliziert. ,,Die können nicht mehr viele lesen“, weiß Vorsitzende Luise Lorange. In ihrem Verein allerdings, da gibt es noch zwei Experten, die weiterhelfen könnne, wenn andere längst ratlos die Segel streichen: Horst Grimm und seine Frau Sigrid: ,,Wir haben immer wieder Anfragen mit der Bitte um „Übersetzung“, berichtet Sigrid Grimm. Derzeit arbeiten die beiden an Schriften von Max Planck. Der Physiker und Begründer der Quantenphysik hatte die ,,Gabelsberger“ Kurzschrift für seine Aufzeichnungen gewählt die Schrift also, die laut Grimm schon als ,,ausgestorben“ gilt.

Die beiden haben aber auch Amüsantes zu berichten: Etwa vom Brief eines Feldgeistlichen aus dem 1. Weltkrieg, der in seinem Schreiben an die Angehörigen zu Hause plötzlich von der Lang- in die Kurzschrift wechselte. Horst Grimm weiß auch warum: ,,Da hat er nämlich geschrieben, dass für die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften im Frontgebiet ein Bordell eingerichtet werden muss“, berichtet der 83-Jährige amüsiert, der durchaus Verständnis dafür hat, dass der Seelsorger für diese Nachricht die ,,Geheimschrift“ wählte.