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Als Greta Ellerbusch auf den Hof kam, kannte sie Kühe nur vom Sehen. Heute sind sie vielleicht die wunderbarsten Tiere, die ich kenne. Foto: t&w
Als Greta Ellerbusch auf den Hof kam, kannte sie Kühe nur vom Sehen. Heute sind sie vielleicht die wunderbarsten Tiere, die ich kenne. Foto: t&w

Mein Leben als Bauerstochter

gre Oldershausen. Picknick auf blühenden Wiesen, drum herum zufriedene Kühe, Natur pur. Das ist das Bild, das viele vom Alltag eines Milchbauern haben. Doch die Realität sieht anders aus. In aller Herrgottsfrühe aufstehen, in den Stall gehen und versuchen, das Melkgeschirr heil an das Euter zu bekommen, denn auch Kühe sind kitzelig. LZ-Praktikantin Greta Ellerbusch kennt das Leben auf dem Bauernhof aus eigener Erfahrung. Als Siebenjährige zog sie mit ihrer Mutter auf einen Milchviehbetrieb in Oldershausen, heute berichtet sie für die Landeszeitung aus ihrem Leben als Bauerntochter:

,,Alles begann, als sich meine Mutter nach der Trennung von meinem Vater in einen Bauern verliebte. Ein halbes Jahr später zogen wir aus Schleswig-Holstein auf den landwirtschaftlichen Betrieb meines Stiefvaters nach Oldershausen und ich war plötzlich Bauerstochter.

Kein leichter Neubeginn. Die neue Schule, mein Vater und meine Freunde eine Autostunde entfernt, ich, die bisher Kühe nur vom Sehen kannte, plötzlich mittendrin auf einem Bauernhof. Alles war neu, ich hatte Heimweh, doch eines gefiel mir vom ersten Moment an: die vielen Tiere. Mehr als 200 Rinder leben auf unserem Betrieb und sie sind vielleicht die wunderbarsten Tiere, die ich kenne. Sanfte Riesen, die sich auch gerne mal ordentlich streicheln lassen und mir neugierig ihre Schnauze entgegenstrecken. Jede Kuh mit einem eigenen Charakter.

Doch manchmal könnte ich unsere Rotbunten auch an die Wand klatschen, weil sie einfach nicht das machen, was wir von ihnen wollen. Wie im Oktober 2013. Kurz vor dem Orkan „Christian“ waren rund 20 Rinder von einer Wiese ausgebüxt und die ganze Familie musste den völlig aufgelösten Tieren hinterherlaufen. Im strömenden Regen und bei heftigen Windböen.

Doch nicht nur bockige Kühe machen das Leben als Bauerstochter manchmal schwierig. Bei der vielen Arbeit auf dem Hof wird jede helfende Hand gebraucht, auch die der Jüngsten. Von Anfang an habe ich geholfen, wo ich konnte. Mittlerweile ist das Melken zu meinem Nebenjob geworden. Zwei Mal in der Woche stehe ich knapp vier Stunden mit im Melkstand. Zeit, in der ich meine Mutter mal ganz für mich allein habe.

Zeit für die Familie ist knapp auf unserem Bauernhof. An Weihnachten klingelt wie jeden Tag um vier Uhr der Wecker, abends stehen meine Eltern bis kurz vor der Bescherung im Stall, hetzen dann unter die Dusche, schlingen das Weihnachtsessen herunter und schlafen fast am Tisch ein. Sogar das Essen nach der standesamtlichen Trauung mit meiner Mutter verpasste mein Stiefvater größtenteils, weil eine Kuh ihr Kalb bekam.

Ebenfalls unmöglich, Ferien mit der ganzen Familie. Einmal im Jahr machen meine Mutter und ich ein Wochenende Wellness-Urlaub, während mein Stiefvater zu Hause die Stellung hält. Mehr ist mit einem Hof voller Kühe und nur einem Angestellten nicht drin. Zweimal am Tag, an 365 Tagen im Jahr, müssen die Kühe gemolken werden. Vier Stunden Arbeit morgens, vier Stunden Arbeit abends. Und das ist nur ein Teil unseres Bauernlebens.

Alle 250 Rinder müssen gefüttert, die Kälber getränkt, die Neugeborenen oft mühsam an die Milch aus dem Eimer gewöhnt werden. Regelmäßig müssen außerdem die Klauen der Kühe ausgeschnitten, Maschinen gewartet und repariert, das Gras gemäht, der Acker bestellt und die Ernte eingefahren werden. Bevor ich auf den Bauernhof kam, dachte ich, Milchbauern müssen nur Kühe melken. Heute weiß ich, mein Stiefvater ist ein wahrer Alleskönner: Manager, Buchhalter, Melker, Mechaniker und ein halber Tierarzt obendrauf.

Als Bauerstochter ohne Geschwister bin ich viel auf mich allein gestellt. Morgens stehe ich allein auf und gehe allein zur Schule, mache meine Hausaufgaben meistens allein. Das ist manchmal einsam, eines habe ich dabei allerdings gelernt: selbstständig zu sein.

Achteinhalb Jahre lebe ich mittlerweile auf einem Milchbauernhof. Und ich finde es schön. Die idyllische Umgebung, die Tiere, der Familienzusammenhalt. Trotzdem weiß ich: Ich bin nicht für die Landwirtschaft geschaffen. Die schwere körperliche Arbeit, die vielen Sorgen um die Existenz, ein Leben ohne Feierabend das schafft nur ein Bauer aus Leidenschaft. Meine berufliche Zukunft liegt woanders. Wo genau, weiß ich noch nicht. Jedenfalls nicht in der Landwirtschaft. So schön sie sich auch manche vorstellen.“