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Ein stundenlanges Leiden

ca Lüneburg. Die Haare waren verklumpt mit Blut, Erde, Pflanzen. „Wie eine feste Frisur“, schilderte die Gerichtsmedizinerin in Saal 121 des Landgerichts den Anblick des Opfers. Die 19-Jährige habe sie das erste Mal am Tag nach der Attacke gesehen, im Kreißsaal des Klinikums. Da seien viele Wunden bereits gereinigt und versorgt worden. Doch die Spuren des Angriffs zeigten sich am ganzen Körper: links ein Augenhöhlenbruch, eine Risswunde am Hinterkopf mit starkem Blutverlust, Abschürfungen, Hämatome, Würgemale am Hals. Ob es auch Gewalt gegen den Bauch der Schwangeren gab, sei nicht eindeutig zu klären. Es gebe kein „knöchernes Widerlager“, sagte die Hamburger Rechtsmedizinerin. Daher seien solche Schläge in weiches Gewebe nur schwer zu erkennen und nachzuweisen. Es war eine Lehrstunde der Forensik, die die 4. Strafkammer und Zuhörer gestern Morgen im Reihersee-Prozess zu hören bekamen.

Ende August vergangenen Jahres sollen die beiden Angeklagten die werdende Mutter bei Brietlingen lebensgefährlich verletzt in einem Waldstück zurückgelassen haben. Die Anklage lautet auf versuchten Mord. Der Hintergrund: Der Vater des Kindes wollte seine Freundin zu einem Schwangerschaftsabbruch bringen. Als sie nicht wollte, soll er sie am Tattag zu einem angeblichen Spaziergang und einem Gespräch abgeholt haben. In der Feldmark sei sein Komplize dazugekommen. Beide schlugen auf die Schwangere ein. Die Frau überlebte, inzwischen brachte sie ihr Kind zur Welt. Während die Angeklagten zuvor von einem Schlag mit einer Baseballkeule gesprochen hatten, hält die Medizinerin es für wahrscheinlich, dass es mehrere waren. Auch sei die junge Frau vermutlich in das Waldstück geschleift worden, dafür sprechen Verletzungen an ihrem Körper.

Es war nicht das einzige Martyrium, das sie erlitt. Eine Zeugin sagte gestern aus, sie sei mit ihrer Freundin walken gewesen. „Wir haben dann ein Quieken gehört, wie von einem Wildschwein“, schilderte die 74-Jährige. Sie seien in Sorge gewesen und weggegangen. Eine halbe, dreiviertel Stunde später sei sie zurückgekommen und hätte noch mal genauer nachgesehen und dann die am Boden liegende Frau entdeckt, wohl zugedeckt mit Gestrüpp und Laub. Das rettete dem Opfer das Leben. Denn nach Einschätzung der Gerichtsmedizinerin wäre die 19-Jährige nur schwerlich in der Lage gewesen, sich zum eineinhalb Kilometer entfernten Campingplatz zu schleppen.

Einer der Angeklagten, der Vater des Kindes, starrte während der Schilderungen auf den Tisch, knetete seine Hände. Sein Freund und Mitangeklagter saß zurückgelehnt da, die Arme vor der Brust verschränkt, Skepsis im Blick.

Das Gericht hörte zwei Bekannte der Angeklagten. Ein 24-Jähriger sagte, die junge Frau habe den werdenden Vater vor der Tat ständig „belästigt“, sie habe angerufen, SMS geschickt, ob er nicht Interesse an ihrem Zustand und dem des Kindes habe: „Sie hat ihm keine Luft zum Atmen gegeben.“ An seine Aussage bei der Polizei wollte er sich zunächst nicht erinnern. Da soll er erklärt haben, sein Freund habe einen Spruch gemacht, man könne so ein Problem lösen, wenn eine Frau die Treppe runterfalle. Erst auf nachdrückliche Fragen des Richters, dass es hier im Zweifel um eine Falschaussage in einem Prozess wegen versuchten Mordes gehe, kam die Erinnerung wieder: Ja, sei mal gefallen, sei nur ein „sarkastischer Kommentar“ gewesen, keinesfalls ernst gemeint.

Er, so der Zeuge, sei der Meinung, sein Freund habe „Scheiß gebaut“, dazu müsse er stehen. Das mache er selber auch: Er zahle Alimente, kümmere sich aber nicht um sein Kind.

Eine Zeugin berichtete, dass beide Angeklagten vor der Tat in ihrer Wohnung gewesen seien, als sie losgefahren seien, hätten sie nicht aufgeregt gewirkt, sondern normal. Der Freund des Vaters sei noch etwas wackelig auf den Beinen gewesen und habe eine Kopfschmerztablette benötigt, weil man am Tag zuvor gefeiert und getrunken habe. Bei der Polizei hatte sie geschildert, der Beschuldigte sei zwar angetrunken, habe aber nicht eingeschränkt gewirkt. Danach muss das Duo in Richtung Reihersee aufgebrochen sein.

Einen Befangenheitsantrag stellte ein Verteidiger gegen den psychiatrischen Sachverständigen Dr. Jürgen Lotze. Der habe seinem Mandanten etwa einen Fragebogen mit in die Zelle gegeben und könne sich nicht sicher sein, dass dieser ihn selber beantwortet habe. Zudem habe der Angeklagte gefordert, dass sein Anwalt bei der Befragung dabei sein solle, dem sei Lotze aber nicht nachgekommen. Das Gericht will bis zum nächsten Verhandlungstag am kommenden Montag darüber entscheiden.