Aktuell
Home | Lokales | Leiden für tollsten Tag im Jahr
Pink tragen Janina Stelle (l.) und die anderen Mädels der Fußgruppe Marquard. Am kommenden Sonntag  sind sie als Flamingos beim Faslamsumzug von Stöckte in die Winsener Innenstadt unterwegs. Foto: org
Pink tragen Janina Stelle (l.) und die anderen Mädels der Fußgruppe Marquard. Am kommenden Sonntag sind sie als Flamingos beim Faslamsumzug von Stöckte in die Winsener Innenstadt unterwegs. Foto: org

Leiden für tollsten Tag im Jahr

org Stöckte. Der Flamingo sitzt fehlt nur die Choreografie. Janina Stelle und die anderen Mädels der Fußgruppe Marquardt stehen ratlos auf dem Rasen hinter Janinas Elternhaus. „Zwischendurch nervts immer“, gibt die 30-Jährige zu. Am Sonntag, 2. März, wird sie das vergessen haben. Dann tanzt sie vor rund 30000 Zuschauern auf einem der nördlichsten Karnevalsumzüge Deutschlands: in Stöckte an der Elbe.

Faslam, nicht Karneval, heißt das Fest am Deich, und Janina Stelle ist schon ihr Leben lang dabei. „Ein bisschen Leiden gehört dazu“, sagt sie, „aber der Umzug ist einfach der wahnsinnigste und tollste Tag im ganzen Jahr.“

Die Mädels aus ihrer Truppe tragen pinke Vögel anstatt Röcke: Aus Drahtgestell und Pappe, Kleister, Stoff und Tüll, alles handgenäht, alle Mühe nur für einen einzigen Tag. „Pieschern geht dann nicht“, sagt Janina und lacht. „Wir könnten uns Katheter setzen.“

In der Zeit vor dem Fasten gingen einst die Mägde und Knechte zu ihren Dienstherren und baten um Wurst, Brot, Eier, Schnaps und Geld: sie schnorrten. Heute tun das die Brüder und mittlerweile auch Schwestern des Vereins Faslamsbrüder Stöckte, seit voriger Saison gemeinnützig.

Zogen beim ersten Umzug 1949 noch Pferde die Wagen, tun das heute Traktoren gut, dass der Brauch in den Februar fällt, ansonsten hätten die Landwirte mit ihren Maschinen Besseres zu tun als fröhlich durch den Ort zu kurven.

Die Flamingo-Gruppe verzichtet auf den eigenen Wagen, sie hat sich als Fußgruppe als eine von insgesamt 19 Thementrupps für den Umzug am Sonntag angemeldet.

Größer geht es in der Halle des Gartenbaubetriebs Ehlers nahe dem Stöckter Hafen zu. Neben meterhoch gestapelten Kisten voller Stiefmütterchen wächst dort das ,,Grokodil“ nach Vorbild eines Gummitieres von Johann Peter Neven, vier Jahre alt: vorn mit einem Sandberg für die „gestrandete Opposition“, dahinter mit einem quietschgrünen Krokodil und gut 20 in rot und schwarz gekleideten Herrschaften darauf.

Die Baugruppe Ehlers ist seit vielen Jahrzehnten dabei, die letzten zwei Wochen vor dem Umzug treffen sich zwischen den Stiefmütterchen ein Dutzend Erwachsene an jedem Abend. Für den Sumpf um das Grokodil herum fahren die Stöckter zum Discounter, dort sind diese Woche Grünpflanzen im Angebot. Verwendete Balken und Europaletten lagert die Gruppe ein, anstelle teurer Tapete nutzen sie ausgelesene Zeitungen doch der Rest des Baumaterials, die Latexfarbe und die Bonbons schlagen mit insgesamt gut 2000 Euro zu Buche Geld, das die Gruppe privat aufbringt.

„Wir machen das aus Spaß“, sagt Jenny Sommer (32), Pressewartin des Vereins. Zwar nehmen viele Gruppen, wie etwa die des Grokodils, die Politik aufs Korn sie selbst macht mit bei Beeckens, die seit 40 Jahren bauen und sich für den NSA-Skandal als Thema entschieden haben. Doch als politische Veranstaltung wollen die Stöckter ihren Faslam nicht sehen.

Dann eher als verbindendes Feiern: So treffen sich die Freunde aus den Baugruppen zu keiner Zeit des Jahres häufiger als im Januar und Februar. Für den Nachwuchs sorgt der Verein über Projektwochen im Kindergarten: Die Kita selbst fährt mit einem Wagen beim Umzug mit, Tanzmädchen der Garde und Faslamseltern besuchen die Mädchen und Jungen regelmäßig.

Und wer in einem Neubaugebiet an der Elbe lebt, wird sich in Stöckte auch nur einmal über die Schnorrer an der Haustür wundern dann wird er wissen, wie es läuft an Faslam im Dorf.

oStart des Umzugs am Sonntag, 2. März, ist um 12 Uhr am Querweg in Stöckte, die Winsener Innenstadt erreichen die bunt geschmückten Wagen gegen 14 Uhr.