Aktuell
Home | Lokales | Mit Eleganz durch schwere Zeiten
Birte Senftleben präsentiert in der königlich-hannoverschen Gala-Uniform Deckhengst Don Index. Rund 1400 Zuschauer verfolgen die Hengstschau in Luhmühlen, die als Auftakt in die Zuchtsaison gilt. Foto: t&w
Birte Senftleben präsentiert in der königlich-hannoverschen Gala-Uniform Deckhengst Don Index. Rund 1400 Zuschauer verfolgen die Hengstschau in Luhmühlen, die als Auftakt in die Zuchtsaison gilt. Foto: t&w

Mit Eleganz durch schwere Zeiten

off Luhmühlen. Mit kraftvollen Schritten trabt der Hengst ins Scheinwerferlicht. Sein braunes Fell glänzt, die Nüstern beben, alle Blicke in der Kurt-Günther-Jagau-Halle sind auf ihn gerichtet: Fürstenhof, vier Jahre alt, durchtrainiert, bildschön und der erste von 13 Deckhengsten, die an diesem Abend in Luhmühlen Züchtern und Zuschauern präsentiert werden. Mit Birte Senftleben im Sattel zeigt sich der Hengst im Schritt, Trab, Galopp, auf den Zuschauerrängen entscheiden sich die ersten Züchter für oder gegen seine Gene. Das Ziel aller Pferdehalter an diesem Abend: Sie wollen den richtigen Hengst finden, um Spitzenpferde zu züchten. Denn nur mit den leistungsstärksten, schönsten, sportlichsten und elegantesten Pferden lässt sich heute noch gutes Geld verdienen. Ein Trend mit Folgen für die gesamte Pferdezucht.

Bundesweit hat sich die Zahl der Stutenbedeckungen in den vergangenen 15 Jahren halbiert, das Landgestüt Celle verzeichnet einen Rückgang bei den Deckzahlen von 40 Prozent. Die Pferdezucht steckt in schweren Zeiten. Warum, das diskutieren Züchter und Gestütsvertreter seit Jahren. Auch bei der Hengstpräsentation in Luhmühlen. Die gemeinsame Schau der Arbeitsgemeinschaft der Pferdezuchtvereine Lüneburg-Nord GbR und dem Landgestüt Celle gilt als Auftakt der Zuchtsaison. Bevor die Hengste aus ihrem Winterquartier im Landgestüt in die Besamungsstation Roydorf zurückkehren, werden sie in Luhmühlen präsentiert. Mehr als 1400 Zuschauer sind gekommen. Ein gutes Zeichen, glaubt der Vorsitzende der Pferdezuchtvereine Lüneburg-Nord, Jürgen Stuhtmann.

Er ist überzeugt: „Wenn sich der Markt bereinigt hat und das Überangebot an Pferden abgebaut wurde, wird es mit der Zucht wieder bergauf gehen, die Nachfrage nach Pferden wieder steigen.“ Noch allerdings kämpfen Gestüte und Züchter mit dem Negativtrend. Vor zwei Jahren erst musste das Landgestüt Celle unter anderem seine Deckstelle in Hohnstorf an der Elbe nach 172 Jahren schließen. Innerhalb nur eines Jahres waren dort die Deckzahlen um die Hälfte eingebrochen. Finanziell für das Landgestüt nicht länger tragbar, sagte damals der Celler Landstallmeister Dr. Axel Brockmann.

In Luhmühlen schreitet Don Index ins Scheinwerferlicht. Der Rapphengst wird im Programmheft als Topseller angepriesen, auf der Internetseite rühmt ihn das Landgestüt als Bewegungskünstler und Eleganzsportler mit besten Genen. Von der Tribüne aus beobachtet Heike Sahlmann den Rappen, auch sie sucht nach den besten Hengsten für ihre Stuten. In Rosenthal züchtet sie seit sieben Jahren Hannoveraner. „Aus Liebhaberei“, sagt Sahlmann. Geld verdiene sie nicht mit der Hannoveraner-Zucht, im Gegenteil: „Im Schnitt legen wir eher Geld drauf.“

Heike Sahlmann verkauft ihre Pferde zwischen vier und sieben Jahren, der Altersklasse entsprechend ausgebildet. Zwischen 16500 und 50000 Euro hat sie bis dahin in ein Pferd investiert, Decktaxe, Fütterung der Stute, Aufzucht des Fohlens, Unterbringung, Tierarzt- und Ausbildungskosten. „Für absolute Spitzenpferde bekommt man dann auch Spitzenpreise von weit mehr als 50000 Euro“, sagt sie. Doch im Schnitt deckten die Verkaufserlöse kaum die Kosten. „Denn auch die besten Pferdeleute züchten nicht nur Weltklassepferde.“

Eine Einschätzung, die auch andere Züchter teilen. Weltweit seien deutsche Pferde zwar gefragt, heißt es, doch sehr gut bezahlt werden nur die besten Tiere. Für den Durchschnitt fehlten die zahlungskräftigen Kunden, mit der Konsequenz: Die Zucht ist nur noch für wenige Pferdehalter dauerhaft kostendeckend.

Über die Gründe denkt Landstallmeister Dr. Brockmann seit Jahren nach. Er ist überzeugt: Der Umbruch in der Pferdezucht ist Spiegel der veränderten Gesellschaft. „Kinder, die in Ganztagsschulen gehen, haben kaum Zeit für ein eigenes Pferd“, sagt er. Ein Mittelstand, dem es zunehmend schlechter geht, kauft keine Pferde mehr. „Und Menschen, von denen beruflich die volle Flexibilität verlangt wird, haben nicht mehr den Mut, die Verantwortung für ein Pferd zu übernehmen.“

Hinzu kommt der Strukturwandel in der Landwirtschaft. „Früher war der typische Pferdezüchter in unserer Region ein Landwirt mit vier, fünf Stuten“, sagt Jürgen Stuhtmann. „Heute lassen die modernen Betriebe kaum mehr Platz dafür.“ Wer Pferde zu guten Preisen verkaufen will, muss sie nicht mehr nur groß ziehen. „Sie müssen bestenfalls top ausgebildet, durchgeröngt und von oben bis unten tierärztlich untersucht sein“, sagt Stuhtmann. Aufwand, den offenbar immer weniger leisten können. Oder leisten wollen.

Und trotzdem: Stuhtmann glaubt an die Pferdezucht. Vor allem im Raum Lüneburg. „Wir müssen weiter die guten Stutenstämme nehmen, Qualität züchten, als Vereine so viel Service wie möglich leisten und um die Kinder in den Ganztagsschulen werben“, sagt er. „Dann werden die Deckzahlen bald wieder steigen.“ Eins ist allerdings auch Stuhtmann klar: Die alten Zeiten kommen nicht zurück. „Aber eine Krise ist auch eine Chance.“ Um noch besser zu werden und das zu züchten, was gefragt ist: Spitzenpferde.