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Ralf Saelzer von der GEKA vor einem Container mit Munitionsschrott. Ob Blindgänger aus dem 1. und II Weltkrieg, Munition der Bundeswehr oder aus Asservatenkammern der Polizei - in Munster werden die Bomben, Granaten und Patronen umweltgerecht unschädlich gemacht. Foto: kre
Ralf Saelzer von der GEKA vor einem Container mit Munitionsschrott. Ob Blindgänger aus dem 1. und II Weltkrieg, Munition der Bundeswehr oder aus Asservatenkammern der Polizei - in Munster werden die Bomben, Granaten und Patronen umweltgerecht unschädlich gemacht. Foto: kre

Assads Waffen verdampfen in Munster

kre Munster. Ulrich Stiene ist ein geduldiger Mann: „Bitte hierher schauen… die Sprühlanze etwas höher!“ „Freundlich lächelnd erfüllt der 56-Jährige die Wünsche der Fotografen und Kameraleute. Kommt ja auch nicht alle Tage vor, dass sich mehr als 60 Journalisten aus fünf Ländern für seine Arbeit interessieren. Dass das an diesem sonnigen Morgen anders ist, liegt an der politischen Dimension seiner Arbeit: Stiene arbeitet bei der „Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten (GEKA) in Munster.

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Ulrich Stiene führt die Sprühlanze in den Ofen ein. So wird später das Hydrolysat aus Syrien endgültig vernichtet. Foto:kre

In dem bundeseigenen Betrieb werden ab Mitte des Jahres chemische Reststoffe aus Syrien vernichtet. Und das ist in der Tat eine Premiere, denn nach dem Chemiewaffen-Übereinkommen ist jedes Land selbst für die Vernichtung seiner Chemiewaffen verantwortlich. Doch in dem arabischen Land herrscht blutiger Krieg, in dem syrische Regierungstruppen im Kampf gegen die Rebellen erneut chemische Kampfstoffe eingesetzt haben sollen. Das jedenfalls behaupten die Gegner von Staatschef Assad. Nichtsdestotrotz hat sich die syrische Regierung dem internationalen Druck gebeugt und der Vernichtung ihrer Giftgasbestände zugestimmt. Ein Teil davon soll jetzt in Munster endgültig unschädlich gemacht werden.

Die Spezialisten in Munster kennen sich aus mit gefährlichen Kampfstoffen: Bereits im Ersten Weltkrieg entstanden dort Versuchs- und Produktionsanlagen für arsenorganische Kampfstoffe wie Clark I und II (Chlor-Arsen-Kampfstoffe), für Lost auch als Gelbkreuz bekannt sowie Chlorpikrin (Klop). Bei einem Explosionsunglück 1919 wurde das gesamte Terrain vergiftet. Mit den gefährlichen Hinterlassenschaften haben die Kampfmittelräumer bis heute zu tun. Noch immer sind Teile des Truppenübungsplatzes Munster Sperrzone. Rote Schilder mit der Aufschrift ,,Kontaminiertes Gelände“ warnen vor dem Betreten.

Es ist wohl auch ein wenig Ironie der Geschichte, dass jetzt ausgerechnet auf deutschem Boden die Kampfstoffe vernichtet werden, die hier erfunden wurden. Es waren die deutschen Chemiker Wilhelm Lommel und Wilhelm Steinkopf, die 1916 vorschlugen, „Lost“ als Giftgas auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges einzusetzen. Der Name „Lost“ entstand aus den beiden ersten Buchstaben ihrer Nachnamen.

370 Tonnen sogenanntes Hydrolysat das entspricht der ursprünglichen Menge von 20 Tonnen Lost sollen in einem der drei Verbrennungsöfen unschädlich gemacht werden. ,,Hydrolysat entsteht, wenn Lost mit Hilfe von heißem Wasser zu weniger gefährlichen Substanzen aufgespalten wird“, erklärt der technische Geschäftsführer Dr. Andreas Krüger.

Eine Arbeit, die allerdings nicht die Deutschen verrichten, sondern die von Amerikanern auf dem Spezialschiff ,,MV Cape Ray“ im Mittelmeer erledigt wird. Die dabei entstehende Salzsäure wird mit Natronlauge neutralisiert. Stark verdünnt sollen die Flüssigkeiten dann per Schiff und Lastwagen nach Munster gebracht und bis Ende des Jahres im Ofen endgültig vernichtet werden.

,,Eine Bedrohung für die Bürger besteht nicht“, versichert Dr. Jan Gerhard, Sprecher der GEKA-Geschäftsführung. Die Stoffe seien zwar noch gefährlich, weil ätzend, aber keine Kampfstoffe mehr. Im Übrigen seien Transport und Vernichtung eng mit den zuständigen Behörden abgesprochen, „Kontrolleure der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen, der OPCW, überwachen das Verfahren“, sagt Dr. Gerhard.

Allem Medienrummel zum Trotz: ,,Das ist für uns Routine“, sagt auch Ralf Saelzer, ein ehemaliger Pionier-Offizier, der jetzt als Prokurist bei der GEKA arbeitet. ,,Wenn das Hydrolysat in großen Tankbehältern bei uns eintrifft, wird es mittels einer Sprühlanze in den Ofen gesprüht“, erklärt er den Prozess. Bei 1000 Grad verdampft das Wasser sofort. „Übrig bleiben nur etwa zwei bis drei Tonnen Salz, das in Fässer gefüllt und dann in einem Salzbergwerk in Thüringen endgelagert wird“, ergänzt Stiene.

Dabei bleibt nichts unbeobachtet: Der gesamte Prozess wird aus einem Kontrollraum gesteuert. Vor den beiden Mitarbeitern flimmern Monitore und Bildschirme von Überwachungskameras. ,,Kamera 23 zeigt das Feuer im Verbrennungsofen VA-Eins, in dem die Substanzen aus Syrien verarbeitet werden sollen“, sagt Saelzer, bevor er die Gruppe weiterführt über das Werksgelände.

Vorbei an Containern mit Unmengen an Munitionsschrott. Einst gebaut, um den Feind zu töten. Nach Bergung und Entschärfung haben Granaten und Bomben nur noch Schrottwert. Saelzer nimmt eine verrostete Hülse in Hand. ,,Da wird jetzt vielleicht ein Auto oder eine Waschmaschine draus…“ Rund 5000 Tonnen verseuchten Erdboden und Munition schafft die GEKA im Jahr. Die rund 140 Mitarbeiter werden also auch weiter gut zu tun haben.